Fernsehwoche, 23.-29.11.

Das Rätsel des toten Rabbi

Liebe unter Verdacht: Natalia Wörner, Max Tidof

Liebe unter Verdacht: Natalia Wörner, Max Tidof

22. November 2002 Die Kulturgeschichte des Computerspiels, ein preisgekrönter Dokumentarfilm über den Alltag eines Kriegsfotografen und ein Krimi, der im jüdischen Milieu von Berlin spielt: Dies und noch mehr präsentiert die Fernsehwoche. Der Überblick von FAZ.NET.

Samstag, 23. November

ARD, Melodram, 22.55 Uhr: Die Auferstehung

Das dreistündige Historiendrama der Brüder Paolo und Vittorio Taviani erzielte bei seinen Premieren im italienischen und französischen Fernsehen höchste Einschaltquoten samt Kritikerlob. In Deutschland mussten die Zuschauer lange auf eine Ausstrahlung warten. Nun kommt die auf dem Moskauer Filmfestival preisgekrönte Verfilmung des Tolstoi-Romans auch bei uns ins Fernsehen. Die Hauptrolle des Fürsten Dimitrij spielt der Deutsche Timothy Peach, außerdem mit dabei ist Marie Bäumer.

Sonntag, 24. November

ARD, Krimi, 20.15 Uhr: Tatort. Alibi für Amelie

Die fabelhafte Welt des Hauptkommissars Palu ist das Saarland, wo es bisweilen mörderisch zugeht. Ob Ulrike Kriener als Amelie den bekannten Wissenschaftler Dr. Kurz erschossen hat oder die ebenfalls auftretenden Udo Schenk oder Rufus Beck, weiß der Zuschauer wie üblich spätestens um 21.45 Uhr.

Montag, 25. November

ZDF, Justizdrama, 20.15 Uhr: Ich hab es nicht gewollt - Anatomie eines Mordfalls

Der unerfahrene Anwalt Pohl (Fabian Busch) wird zum Verteidiger eines junges Mannes (Axel Sichrovsky) bestellt, der ein Mädchen ermordet haben soll. Der mutmaßliche Täter ist von der Öffentlichkeit längst verurteilt, Pohl aber hält ihn für psychisch krank und damit unzurechnungsfähig. Der Regisseur und Autor Nobert Kückelmann, selbst gelernter Jurist, hat sich mit seinen oft auf authentischen Fällen basierenden Justizfilmen einen Namen gemacht, die meist spannend, mitunter aber ein wenig zu moralisch ausfallen.

Arte, Dokumentarfilm, 22.20 Uhr: James Nachtwey, Kriegsfotograf

Nachtwey, der vielleicht beste Bildjournalist unserer Tage, fotografiert seit mehr als zwanzig Jahren immer dort, wo sich der Horror gerade im Superlativ präsentiert: in Somalia und Ruanda, im Kosovo und in Bosnien, in Tschetschenien und Palästina. Dass er etliche Kugelhagel und Infektionen überlebt hat, ist ein kleines Wunder. Dass er über all den Eindrücken des Elends nicht zum Zyniker wurde, ein großes. Christian Frei hat James Nachtwey zwei Jahre lang begleitet und bei seiner Arbeit beobachtet. Jeder Sensationsgier zum Trotz, die der Kriegsberichterstattung oft genug anhaftet, ist „War Photographer“ ein langsamer, zurückhaltender Film. Die Musik, unter anderem von Arvo Pärt - fast schon ein Requiem -, gibt ihm über lange Passagen hinweg regelrecht religiöse Schwere. Nie ist es Nachtwey um den Schock durch das Foto zu tun, immer nur um den Schock durch die Situation. Gerade die Harmonie seiner Kompositionen aber zwingt zum genauen Hinschauen. Diese Bilder brennen sich ein in die Erinnerung als Erfahrungen des Infernos. Und es ist schrecklich, zu hören, wie Redakteure während des Layouts einer Bildgeschichte „Toll!“ sagen und: „Sieht ja super aus.“ Sie meinen eine Aufnahme, auf der Leichen von einem Laster gekippt werden.

WDR, Drama, 23.15 Uhr: Die Ewigkeit und ein Tag

Theo Angelopoulos' elfter Spielfilm, in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, ist ein seltsames Werk. In ihm ist das Bild des Films immer schon das Einwickelpapier für einen Gedanken, ehe es ein Abbild der Welt werden darf. Alexander, der menschliche Held, ist ein alter Mann, der Abschied nehmen muss. Längst ist die Vergangenheit für ihn wichtiger geworden als die Gegenwart. Jetzt, einen Tag bevor er zur Behandlung einer wahrscheinlich tödlichen Krankheit ein Krankenhaus aufsuchen muss, nimmt Alexander - Bruno Ganz, der an diesem Tag auch als Stadtstreicher in der „Tatort“-Wiederholung „Schattenwelt“ (NDR, 20.15 Uhr) zu sehen ist - Abschied von dem, was ist, und dem, was war. „Die Ewigkeit und ein Tag“ umfasst die Geschehnisse dieses einen Tages.

Dienstag, 26. November

Sat.1, Thriller, 20.15 Uhr: Liebe unter Verdacht

Ein Rabbi, aus Israel nach Berlin zurückgekehrt, wird ermordet. Kommissarin Eva (Natalia Wörner) findet heraus, dass der Geistliche zuvor erpresst worden war, und macht sich vertraut mit der jüdischen Kultur und Religion. Dabei verliebt sie sich in Daniel (Max Tidof), den Sohn des Toten. Man darf gespannt sein, ob Regisseur Jorgo Papavassiliou die Gratwanderung zwischen spannendem Thriller und authentischer Schilderung jüdischen Lebens in Deutschland gelingt. Immer sehenswert ist auf jeden Fall Natalia Wörner.

Mittwoch, 27. November

ARD, Drama, 20.15 Uhr: Ghettokids

Christian Wagner erzählt die Geschichte eines 13-jährigen Münchner Jungen, dessen alleinerziehende Mutter aus Griechenland kommt und kaum Deutsch versteht. Der junge Christos dealt und gibt sich Männern auf Bahnhofstoiletten hin. Seine Lehrerin (Barbara Rudnik) und ein Sozialarbeiter (Günther Maria Halmer) wollen Christos auf einen besseren Weg bringen.

Arte, Tanz, 20.45 Uhr: Dance Celebration!

Wenn das kein Fest ist: Acht international bekannte Choreographen, unter ihnen Dominique Hervieu, José Montalvo und John Neumeier, treffen sich in Lyon und präsentieren Ausschnitte ihrer aktuellen Programme - und Arte überträgt live.

3sat, Doku-Reihe, 21 Uhr: Ins Universum der digitalen Spiele

Erste Folge des Vierteilers „Games Odyssey“ von Carsten Walter, der eine Kulturgeschichte des Computerspiels präsentiert. Wer hätte gedacht, dass diese bereits 1962 mit dem Spiel „Space War“ begann?

ARD, Dokumentarfilm, 23 Uhr: Ein Traum von Amerika

Langzeitbeobachtung des Deutschen Wulf Lebrecht, der sich 1955 in den USA als Farmer niederließ - und heute vor dem Ruin steht, weil wenige Konzerne den Nahrungsmittelmarkt beherrschen. Ein Film für Globalisierungsgegner und solche, die es werden wollen.

Donnerstag, 28. November

Arte, Drama, 20.45 Uhr: Kadosh

Rivka und Meir lieben sich inniglich, aber nach zehn Jahren Ehe haben sie noch kein Kind. Das missfällt dem Rabbi im ultra-orthodoxen Stadtteil Jerusalems, denn: „Eine Frau ohne Kind ist tot.“ Deshalb zwingt er seinen Sohn Meir, sich von Rivka scheiden zu lassen und eine jüngere Frau zu heiraten. Auch Rivkas Schwester Malka gehorcht dem Rabbi, der sie mit seinem Gehilfen Yossef trauen will, obwohl sie den rebellischen Yaakov liebt. Mit Fingerspitzengefühl, aber gnadenlosem Blick hat der israelische Regisseur Amos Gitai seine Trilogie dreier „Stadtlandschaften“ vollendet. Auch mit der Ruhe und Schönheit seiner Bilder will der Film nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „Reinheit“ dieser Gemeinschaft auf Kosten der Frauen beschworen wird und der Buchstabe des Gesetzes das Hohelied der Liebe in ein Totenlied pervertieren kann.

ARD, Drama, 21 Uhr: Schleudertrauma

Noch einmal Natalia Wörner: In einer Nebenrolle spielt sie die Freundin der jungen Karen, die bei einem Autounfall ums Leben kommt. Ihr Mann Ben (Tim Bergmann), der am Steuer saß, überlebt ebenso wie der 6-jährige Sohn Jonathan. Karens Eltern, die Ben ohnehin ablehnten, machen ihn für den Tod ihrer Tochter verantwortlich. Im Juli lief „Schleudertrauma“ schon einmal auf Arte und erhielt gute Kritiken.

Freitag, 29. November

Arte, Dokumentation, 22.15 Uhr: Bevor das Leben zu Ende geht

Die Ärztin Yamina Abbes leitet ein Altersheim in der Pariser Region. Ihr Freimut bestimmt den optimistischen Ton des Films. Er gibt Einblick in Yaminas tägliche Arbeit, in ihre Beziehungen zu den alten Leuten, die ein offenes Ohr, Betreuung und Ansprache brauchen. Neben Yamina Abbes werden einige Bewohner des Altersheims gezeigt, meist Frauen zwischen 85 und 100 Jahren. Die bissige, keinen Widerspruch duldende „Tante Danièle“ beispielsweise tyrannisiert trotz ihrer 95 Jahre immer noch ihre jüngste Tochter, die selbst schon 70 ist.

Text: @jöt
Bildmaterial: Sat.1

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