Von Ulrich Rüdenauer
14. Januar 2002 Nicht nur die im Vorfeld unters Hörer-Volk gestreuten Kostproben, auch der Veröffentlichungs-Countdown sollte die Besonderheit des Ereignisses unterstreichen: Vom 4. Januar an durfte man sich zehn Tage lang im Netz jeweils ein Stück vom neuen Notwist-Album anhören, eine Adventszeit-Zugabe für den Fan. Die Neugierde wuchs, und bei jenen, die das Album bereits vorab in ihren Besitz bringen konnten, stellte sich eine ansteckende Euphorie ein.
Jetzt ist das fünfte Album des Quartetts aus Weilheim endlich in die Plattenläden gekommen. "Neon Golden" erstrahlt hell und schlägt wunderbar Funken - und stellt ziemlich viel dessen, was in der letzten Zeit erschienen ist, in den Schatten.
One Step Inside Doesn't Mean You Understand
Die Veröffentlichungs-Dramaturgie und der immense Szenehype, der um The Notwist inszeniert worden ist, stehen allerdings ziemlich quer zum Kunstwerk: Das sperrt sich erst einmal gegen ein großes Hallo, kommt mit einer vereinnahmenden Ruhe daher (heißt nicht: leise), will erobert, innig erfasst, in seiner Gesamtstruktur hörend nachvollzogen werden.
Auf verschiedenen Ebenen klickt, pulst, fiept, banjot, tuckert, tickt es. Und doch gleitet alles fugenlos (nicht: glatt) ineinander, schlendert und schwebt zum Teil auf Geigen dahin, davongetragen von strukturierenden, immer wieder aus der Reihe tanzenden, neuerdings auch Percussion-unterstützten Beats.
Verschwenderisch sind tausend Ideen, Überraschungen, Spannungs- und Entspannungsmomente eingebaut, versteckt und doch offensichtlich. Neon Golden strahlt dabei etwas Gelassenes und Bedeutendes aus.
Trashing Days
Die Platte hat - wie jede große Popmusik - ein Kippmoment eingebaut: Kaum möchte man aus Freude über diese komplexe Einfachheit herumhüpfen, fängt einen noch im Sprung eine irritierende Melancholie ab. Dafür sorgt nicht allein der eher im traurig Düsteren beheimatete Sound des Werks, sondern vor allem die Stimme von Markus Acher: Auf anrührende Weise gleitet sie in wehmütigen Melodiebögen schwermütig dahin. Fügte sich diese Stimme früher in eine bombastische Gitarrenkulisse, fiepen heute diverse elektronisch verfeinerte Sounds unter Achers Gesang.
Consequence
Vom Himmel ist Neon Golden aber nicht gefallen: Als man in Weilheim noch nicht wusste, dass dieses oberbayerische Provinznest einmal als Pseudonym für avancierte, postrockistische Musiken stehen würde, brachten The Notwist ihre erste Platte heraus. Gitarre, Schlagzeug, Bass - 1990 bedeutete das selbstverständlich Neo-Punk-Grunge. Mit Nook bekräftigte die Band ihre Absicht, in ihrer Musik ja kein fettes Gitarrenriff ungespielt zu lassen, und ab 12 erwärmte man sich dann fürs Elektronische. Das erfuhr seine Intensivierung, als Martin Gretschmann aka Console 1998 als festes Mitglied zur Band stieß. So virtuos wie einst Glenn Gould den Flügel bedient der sein Laptop.
One With The Freaks
In The Notwist bildet sich ein musikalischer Kosmos ab, der sein Zentrum in den Brüdern Markus und Micha Acher findet: Die haben beim Tied and Tickled Trio, bei Potawatomi, Village of Savoonga, Rayon, Ogonjok oder Lali Puna ihre Instrumente mit im Spiel. Und es scheint, als seien die verschiedensten musikalischen Reize der vergangenen Jahre - ob Chicago-Sound, Elektronika, Neu-Kraut, elektronischer Jazz - im kleinen Weilheim viel wacher wahrgenommen und umgesetzt worden als anderswo.
Man hört die ganze Welt moderner Popmusik in The Notwist nachklingen, aber in der Ruhe der Provinz wurden die diversen Einflüsse in etwas Originäres verwandelt. Und nun ist man selber in einer Vorreiterrolle. Das Album Neon Golden strahlt im Weilheim-Universum so hell, dass man es noch aus größter Distanz und in vielen Jahren leuchten sehen muss.
Neon Golden von The Notwist ist auf City Slang/Labels/Virgin erschienen.
Text: @urue
Bildmaterial: Virgin Records
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