Harald Schmidt

Statt Blumen

Von Andreas Platthaus

Wir werden ihn vermissen

Wir werden ihn vermissen

08. Dezember 2003 Am vergangenen Freitag abend, in der 1352. Ausgabe der "Harald Schmidt Show", stellte deren Moderator, Erfinder und Namenspatron mit seinem Adlatus Manuel Andrack wichtige Ereignisse zusammen, die sich am 5. Dezember abgespielt haben. Der hundertste Geburtstag von Johannes Heesters war da natürlich zu feiern und noch ein weiteres Jubiläum, das auf den ersten Blick weniger beeindruckend wirkte, aber um so heftiger vom Publikum bejubelt wurde: acht Jahre "Harald Schmidt Show" selbst - ein Unterhaltungs-Dauerbrenner, wie das deutsche Fernsehen keinen anderen hervorgebracht hat. Doch wankelmütig ist die Gunst des Senders: gestern gefeiert, heute gefeuert. Die "Harald Schmidt Show", so teilte Sat.1 mit, wird eingestellt. Vom 30. Dezember an wird der angestammte Platz um 23.15 Uhr verwaist sein.

Zu teuer wohl angesichts unbefriedigenden Werbeaufkommens, lauten erste Vermutungen. Und es wird behauptet, daß der neue Sat.1-Chef Roger Schawinski, mit dem Schmidt in seiner Sendung sofort nach Bekanntgabe der Amtsübernahme wilden Schabernack getrieben hatte (F.A.Z. vom 6. Dezember), nicht nur seinen Vorgänger, den Schmidt-Intimus Martin Hoffmann, abgelöst hat, sondern den Moderator gleich mit. Es ist kein Geheimnis, daß die Quoten der "Harald Schmidt Show" zuletzt nicht zufriedenstellend waren. Die enge Abfolge der Ereignisse läßt deshalb kaum eine andere Vermutung zu als wechselseitige Verstimmung - zumal die offizielle Begründung Harald Schmidts, er brauche eine Bildschirmpause, wenig glaubwürdig aus dem Munde eines Mannes scheint, der erst in diesem Jahr seinen Sendeplan von vier auf fünf Abende in der Woche erweitert hatte.

Genug Ideen

Ideen hatten er und seine Produktionsfirma Bonito genug. Vor einigen Wochen spielten Schmidt und seine Mitarbeiter ihre Sendung als Parodie auf die Augsburger Puppenkiste mit Marionetten nach. Es war nicht das erste Mal, daß die Präsentation so ungewöhnlich ausfiel: Schon zuvor war die "Harald Schmidt Show" einmal ganz in Französisch ausgestrahlt worden (und heimste prompt einen Preis für deutsch-französischen Kulturaustausch ein), oder sie ließ den Bildschirm dunkel und setzte allein auf die Dialoge. Doch im Rückblick mutet vor allem das Puppenspiel als prophetisch an: An Fäden wollte sich Harald Schmidt von anderen nicht führen lassen.

Auch unser war er nie. Sosehr das Feuilleton ihn ver- und er es bisweilen in seiner Show durch den Vortrag einzelner Artikel zurückehrte, so unabhängig blieb er doch. Wie auch gegenüber Stars, Sternchen und Schnuppen, die er in seiner Sendung empfing. Seine journalistische Methode ist einfach und ohne falsche Subtilität: ablauschen, anmerken, aufbauschen. Immer dasselbe, aber reichlich doppeltönig.

Das ist meine Show

Aus dem amerikanischen Format des "Late Night Talk" hat Harald Schmidt den "Hate Night Talk" hervorgehen lassen, der mit allem aufgeräumt hat, was sich hierzulande durch Comment, Bigotterie und Vetternwirtschaft kulturgeschützt wähnte. Sein Motto war stets: Das ist meine Show, da kann ich machen, was ich will. Bei niemandem aber klingen dann auch die Liebeserklärungen so glaubwürdig. Denn nicht nur Leute, die bereits eine gewisse Rolle im öffentlichen Leben gespielt haben, kommen für sein Showprogramm in Frage, sondern auch die stadtbekannten Sonderlinge, die er dann landesweit bekanntmacht. So wurde im Laufe der Jahre wohl die gesamte Hundertschaft seiner eigenen Mitarbeiter nacheinander - und oft genug erkennbar widerwillig - auf die Bühne gestellt, wo sie dann mehr oder minder alltägliche Talente demonstrieren durfte. Bei Harald Schmidt - und nur dort - mußte man keine Mißgeburt sein eigen nennen oder irgend einen Blödsinn anstellen, um berühmt zu werden. Was wird jetzt aus stadtbekannten Sonderlingen mit überregionalen Ansprüchen?

Harald Schmidt muß sich darüber keine grauen Haare wachsen lassen - die hat er schon. Auf dem Bild, das Herr Andrack am Freitag zur Feier des achtjährigen Jubiläums einblendete, sah man seinen Chef anno 1995 vor der ersten Spielstätte der Sendung, dem "Capitol" in Köln. Welliges braunes Haar floß dem damals achtunddreißigjährigen Bildschirmepheben vom Haupte. Heute ist Schmidts Schädel ergraut und kurzgeschoren. Resultat großer Belastung? Unsinn. Natürlich müssen wir das allein auf die Maske schieben, die den Chef auf der Bühne seriöser wirken lassen will als den Berufsjunggebliebenen Andrack, der in Wahrheit mehr als ein Jahr älter ist als Schmidt.

Wir werden sie vermissen: diesen Herrn Andrack, Helmut Zerlett, Nathalie, Susanna und vielleicht sogar Wasserträger Sven. Und Harald Schmidt, der - eine weitere Variation sei gestattet - den "Late Night Talk" ein "Late Light" aufgesteckt hat. In diesem Advent verlöscht ein Glanzlicht. Das Fernsehprogramm wird wirklich immer schlechter.

Ich habe Harald Schmidt nicht immer gesehen, aber immer wieder und immer lieber, je mehr Zeit er sich für seine immer abwegigeren Vorhaben nahm. In dieser Welt des Wandels tat es gut zu wissen, daß es ihn gab und wo er in schöner Regelmäßigkeit zu finden war - nun hat er den Bettel hingeworfen, und wir alle sind um eine Gewißheit ärmer.

Robert Gernhardt

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2003, Nr. 286 / Seite 35
Bildmaterial: AP

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