Von Andreas Kilb
29. März 2001 Wenn einer in Deutschland nach zehn Jahren Pause wieder einen Film dreht, darf man gespannt sein, was er darin zu erzählen hat. Und wenn dieser Jemand Michael Klier heißt, wird die Spannung noch größer.
Denn Klier hat vor zehn Jahren die deutsche Filmbranche in einer Weise vorgeführt, die man erheiternd nennen müsste, wenn es bei diesem Thema etwas zu lachen gäbe. Während die Filmbeauftragten aller Länder noch darüber grübelten, ob sie die Zuschauer lieber weiter mit Otto Waalkes (Der Außerfriesische) oder Doris Dörrie (Ich und Er) beglücken sollten, drehte Klier ein Kleines Fernsehspiel, das die großen Kinospiele seiner voll subventionierten Kollegen alt aussehen ließ: Überall ist es besser, wo wir nicht sind. Kliers Film, ein schwarzweißes Sommermärchen über zwei Polen, die auf dem Weg von Warschau nach New York in Berlin stranden, schlug eine Bresche durch den herrschenden Bildermüll und rettete auf Jahre hinaus die Ehre der deutschen Kinematographie.
Jetzt hat Klier, plötzlich und ohne Vorwarnung, wieder einen Film gedreht, dessen Titel das Graue vom Himmel verspricht: Heidi M.
In einem Interview im Presseheft nennt Klier Cassavetes als Vorbild für ein Kino mit bescheidenem Gestus und bezeichnet Heidi M. als Schauspielerfilm, der die Momente menschlicher Erinnerung in den alten Straßenzügen Ost-Berlins freilege. Heidi, die Heldin, sei eine Figur des Übergangs. Das alles klingt überzeugend, und zu Ostkreuz hätten die meisten dieser Formulierungen auch gepasst. Für Heidi M. sind sie dagegen eine Nummer zu groß.
Der Film ist, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, eher Fernsehen als Kino. Man sieht eine attraktive Endvierzigerin (Katrin Saß), die ihre Tochter zum Flughafen bringt, ein kleines Gemischtwarengeschäft am Prenzlauer Berg betreibt und heimlich ihrem geschiedenen Ehemann (Kurt Naumann) nachtrauert. Als Franz (Dominique Horwitz) in Heidis Laden und Leben tritt, gewinnt der Film an Dichte, aber nicht an Fahrt. Er hält ein mittleres Tempo und eine mittlere Temperatur, als wäre dies die einzige Möglichkeit, nicht aus der Kurve in den Wald der Klischees getragen zu werden.
In Ostkreuz und Überall ist es besser war diese Langsamkeit zwingend, in Heidi M. ist sie nur eine Form des Zauderns. Die schönen Bilder, die Sophie Maintigneux vom nächtlichen Berlin aufgenommen hat, und das wunderbare Spiel von Katrin Saß können die Leere im Zentrum der Geschichte nicht füllen: Heidi M. hat zwar ein Sujet, aber keine Story.
Was vor der Kamera geschieht, wirkt wie mit spitzen Fingern angefasst, als wären dies nicht die Aufnahmen, sondern erst die Proben für einen Film. Die Szene, in der Heidi und Franz nach Paris fahren wollen, aber an der ersten Autobahnraststätte stecken bleiben, ist eine unfreiwillige Allegorie auf Kliers Rückkehr ins deutsche Kino: Der Stoff, der seine Geschichte antreibt, hat für den ganzen weiten Weg nicht ausgereicht. Man kann Klier nur wünschen, dass er beim nächsten Mal auch den Rest der Strecke schafft.
Heidi M., Deutschland 2001, Regie: Michael Klier, Darsteller: Katrin Saß, Dominique Horwitz, Julia Hummer
Text: @hc
Bildmaterial: AP
Der Turm: Ein Spaziergang durch Uwe Tellkamps ![]()
Nobelpreis für Medizin: Das tückische Versteckspiel der Viren
Frankreichs neue Linke hofiert einen Terroristen
Soll ich das Buch etwa noch einmal lesen?Leser fragen, Marcel Reich-Ranicki erklärt die![]() | ![]() |
Agenten, Aufleger und AmateureDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |