Kino

Woher die schönen Mädchen ihre Muskeln haben

Von Claudius Seidl

24. März 2003 Als die Hausfrau Roxie Hart in einer kalten Nacht des Jahres 1924 ihren Liebhaber in ihre Wohnung lockte, dachte sie bloß daran, daß er sie ganz bestimmt groß herausbringen würde im Showgeschäft, wenn sie nur richtig nett zu ihm wäre. Er dachte an nichts als an ihren runden Hintern. Und als die beiden sich wieder anzogen nach vollzogenem Ehebruch, fragte sie ihn, wie es jetzt weitergehen solle. Er sagte, daß er ihren Hintern weitaus höher schätze als ihr Talent, er werde also gar nichts für sie tun - und dann hatte Roxie eine Pistole in der Hand, drückte ein paarmal ab und wußte selber nicht, ob das hier das Leben oder die Bühne war. Aber als sie zum erstenmal ihr Bild auf den Titelseiten der Zeitungen sah, merkte sie schnell, daß dieser Mord der perfekte Start ins Showgeschäft war.

Die Geschichte ist wohl nicht genauso, aber so ähnlich tatsächlich passiert, damals, in Chicagos wildester Zeit; jedenfalls hat die Reporterin Maurine Dallas Watkins sie aufgeschrieben und dann daraus ein Theaterstück gemacht - als eine Art Quersumme ihrer Erlebnisse in Chicagos Nächten. Das Stück hieß "Chicago", wurde 1928 unter diesem Titel zum erstenmal verfilmt und 1942 als "Roxie Hart" noch einmal. Im Jahr 1975 machte der Choreograph Bob Fosse zusammen mit dem Komponisten John Kander und dem Texter Fred Ebb daraus ein Broadway-Musical; und seitdem war eine Verfilmung immer mal wieder im Gespräch. Man muß das nicht unbedingt wissen; es hilft aber, wenn man sich beim Zuschauen fragt, warum dieser Film, der doch ganz offensichtlich von heute ist, manchmal so anachronistisch wirkt: als ob er aus der Zeit gefallen wäre.

All That Jazz

Die Zeit des Films ist heute, wenn er anfängt, in einem Nachtclub, so glitzernd und glamourös, wie ihn nur die Bühnenbildner aus Hollywood bauen können. Da tanzt, als könnte sie nichts anderes, die schöne Catherine Zeta-Jones, und die entfesselte Kamera scheint mit ihr zu tanzen, und sie singt, und das Orchester spielt dazu den schönsten Song des ganzen Musicals, "And All That Jazz", einen Song, der in den siebziger Jahren komponiert wurde und im Jahr 2002 arrangiert, und der gerade deshalb genau richtig klingt: Das ist nicht der Sound von vor achtzig Jahren. So klingt es vielmehr, wenn die Sehnsucht nach dem Abenteuer und das Unbehagen in der Gegenwart sich einen Fluchtpunkt im Chicago der Zwanziger suchen.

Dieser Anfang ist aber ein Versprechen, das später weder die Songs noch der Plot ganz einlösen können: Chicago, das doch so gut als Sehnsuchtsort und Abenteuerspielplatz taugen könnte, wird in "Chicago" zum Gegenstand der Kritik. Roxie Hart (Renée Zellweger) kommt ins Gefängnis, wo auch schon Velma Kelly (Zeta-Jones) sitzt, Roxies Vorbild, die Nachtclubsängerin, die ihren Mann erschossen hat - und die beiden Frauen liefern sich, angefeuert und unterstützt von ihrem Rechtsanwalt Billy Flynn (Richard Gere), ein Duell um die besseren Schlagzeilen und die rührseligeren Geschichten für die örtlichen Zeitungen. Chicago sucht im Frauengefängnis seinen Superstar - was jene überraschen mag, die bislang dachten, es sei eine Erfindung unserer Zeit, daß jemand, der nichts Besonderes ist und nichts Besonderes kann, trotzdem zur Berühmtheit wird.

Aber das Musical kommt völlig aus dem Takt, wenn man es zum Medium der Medienkritik macht - in dem Moment, da die Musik einsetzt und die Füße den Takt schlagen, müssen seine Szenen eine Kraft aufbringen, die den Film ganz und gar aus allen Angeln von Handlung, Botschaft und Bedeutung hebt. Das Genre ist bei sich, wenn seine Helden außer sich sind. Und wenn das Musical mit den bestehenden Verhältnissen nicht einverstanden ist, dann muß es die nicht kritisieren: Es bringt sie ja in Bewegung.

Richard Gere hat seinen großen Auftritt mit dem Song "Razzle Dazzle", dessen Melodie gut ins Ohr geht und dessen Text davon erzählt, welchen Wirbel, welchen Lärm einer machen muß, der das Publikum, die Presse und die Geschworenen vor Gericht von der Unschuld einer Mörderin überzeugen will. Die Szene beginnt in einem Gerichtssaal, der sich wundersamerweise in einen Zirkus verwandelt, mit Richard Gere als Direktor und Dompteur und vielen wilden Tieren. Aha, denkt sich da der Zuschauer, wenn ich die Botschaft nicht schon längst verstanden hätte, dann würde ich sie jetzt vermutlich auch nicht verstehen.

John Kander und Fred Ebb haben die wundervollen Musicals "Cabaret" und "New York, New York" geschrieben; "Chicago" ist vielleicht nicht ganz so inspiriert - aber daß der Film so selten seinen Rhythmus findet, liegt weniger an den beiden als an Rob Marshall, dem Regisseur. Dessen Inszenierung wirkt gerade deshalb so flach, weil sie sich so verkrampft um Tiefe bemüht, und so schwach, weil sie mit Bedeutung, Meinung, kritischem Bewußtsein so stark aufgepumpt wurde. Es ist wie mit Renée Zellweger, die eine bezaubernde Vorstellung liefert und der man das Mädchen aus den zwanziger Jahren trotzdem nicht glaubt. Man sieht zu deutlich, daß sie ihre Muskeln aus dem Fitneß-Studio hat.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2003, Seite 32
Bildmaterial: dpa

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche