Volker Reiche und „Strizz“

Und mit Blitzesschnelle wieder

Von Andreas Platthaus

Vater und Sohn: Volker Reiche und “Strizz“

Vater und Sohn: Volker Reiche und "Strizz"

31. Mai 2004 Zwei Blitze trafen ihn im Laufe seines Lebens und luden Volker Reiche mit der kreativen Energie auf, die ein Erzähler und Zeichner braucht. Der erste traf das siebenjährige Flüchtlingskind im September 1951, und es war ein bunter Blitz. In der grauen Nachkriegszeit leuchteten plötzlich die Farben eines Comic-Heftes, der ersten Ausgabe der deutschen "Micky Maus".

Hier begegnete den Kindern eine strahlende Welt mit intakten Häusern und sorglosen Bewohnern, die sich höchstens Gedanken machen mußten, wie sie rasch zehn Taler als Spende für das Rote Kreuz zusammenbekommen sollten. Entenhausen, wie Carl Barks es in seinen Duck-Geschichten vorstellte, war ein Utopia - ein Ort, wie man sich die eigene Umgebung wünschte, versehen mit einem Gefühl von Heimat, das gerade entwurzelte Kinder wie Volker Reiche in ihren Zufluchtsorten in Westdeutschland so entbehrten.

Zeit ohne Berufssorgen

Nach Franken hatte es seine Familie zunächst verschlagen, doch bald führte sie ihr Weg weiter nach Königstein im Taunus, wo Reiche heute noch lebt. Auf den Spuren des Vaters absolvierte er ein Jurastudium in Frankfurt am Main - "in einer Zeit", wie Reiche sich erinnert, "als es noch keine Berufssorgen gab. Was man erlernte, das würde man ein Leben lang als Beruf ausüben." Davor schwindelte dem jungen Assessor, und mitten in der Vorbereitung aufs zweite Staatsexamen traf ihn der zweite Blitz.

Der war schwarzweiß, und er wurde ausgesandt von Robert Crumb. Der amerikanische Zeichner revolutionierte Ende der sechziger Jahre von der Westküste der Vereinigten Staaten aus die ganze Welt der Comics. In seinen Geschichten vermischten sich Autobiographie, Gesellschaftskritik und obsessiver Sex zu einer neuen Erzählform, die einen persönlichen Ton in das Medium brachte, den es vorher nicht gegeben hatte. Reiche, von jeher neugierig auf Unbekanntes, ging mit fliegenden Fahnen zu jener Schule über, die sich mit dem Namen "Underground" schmückte. Crumb zeigte ihm, daß man mit Comics alles erzählen konnte, was einem engagierten jungen Mann wichtig war.

„Liebe“ wurde indiziert

Reiche ließ seine Figuren gegen Biblis demonstrieren und für freie Liebe. Bald zeichnete er auch für die Satirezeitschrift "Pardon" und wurde gleichsam nebenbei zum Spiritus rector jüngerer Zeichner wie Bernd Pfarr oder Michael Gutmann. Der erste, nach Crumbs Vorbild selbstverlegte Comicband "Liebe" erschien allerdings erst 1979 und wurde prompt wegen zu offenherziger Darstellungen indiziert.

Reiche verband in dieser Zeit den runden Schwung von Barks mit dem expressiven Gestus von Crumb. Dieser ästhetische Parforceritt fand seinen Höhepunkt 1985 in "Willi Wiedehopf" und in dem Halbdutzend extrem temporeicher Donald-Duck-Geschichten, die Reiche Ende der siebziger Jahre für einen holländischen Verlag zeichnete.

Zu individuell für Disney

Hier hatte er erstmals geschafft, wovon er träumte: seine Lieblingsfigur zeichnen, und das in einem Stil, der ungeachtet des großen Vorbilds Barks ganz der seine war. Leider arbeitete Reiche deutlich individueller, als es die rigiden Publikationsregeln für Disney-Figuren vorsahen - und die Eifersüchteleien unter den Zeichnern zuließen. Auch der zweite, schon halb fertiggestellte "Wiedehopf"-Band scheiterte: am Erfolg von "Werner", der Comicserie des Zeichners Brösel, die im selben Verlag erschien. Reiches "Willi Wiedehopf" hatte keine Bestseller-Aussichten und wurde deshalb aus dem Programm gestrichen. Allerdings war der Zeichner kommerziell gut versorgt durch die wöchentlich in der Programmzeitschrift erscheinende Comicserie "Mecki", die er seit 1985 gestaltete. Ventil für seine überschäumende Lust am Experiment aber wurde für fast zwei Jahrzehnte die Malerei.

Erst mit "Strizz" fand Reiche wieder einen Stoff, der ihm vollständig entspricht. Hier sind es die von ihm bewunderten Klassiker des Nachkriegszeitungscomics, die "Peanuts" von Charles Schulz, "Calvin und Hobbes" von Bill Watterson und nicht zuletzt "Pogo" von Walt Kelly, die wie früher Barks und Crumb ein Ideal vorgeben, das sich Reiche zueigen macht, um es dann graphisch und narrativ völlig neu auszudeuten.

Der Erfolg der im Mai 2002 in dieser Zeitung begonnenen Serie bestätigt ihn in seiner Kompromißlosigkeit. Wohl als einziger Zeitungscomiczeichner der Welt arbeitet er tagesaktuell, während die amerikanischen Altmeister des Genres, selbst Gary Trudeau mit dem politisch so bissigen "Doonesbury", Vorlaufzeiten von mehreren Wochen haben. "Strizz" ist deshalb in seiner Reaktionszeit auf aktuelle Ereignisse unerreicht, und die gleich doppelte Nominierung für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis des in zwei Wochen stattfindenden Erlanger Comic-Salons (für den besten Comic strip und als bester deutscher Zeichner) honoriert diese beispiellose Leistung.

Reiche ist heute für alle sichtbar an einem Punkt, wo er in den siebziger Jahren bereits einmal war: im Zentrum der deutschen Comicentwicklung. Nun ist er es, der die Blitze schleudert. Am Pfingstmontag wird er sechzig Jahre alt. Es werden für die Zukunft Gewitter mit allen Schikanen erwartet.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2004, Nr. 124 / Seite 37
Bildmaterial: dpa

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