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Der Dandy, der aus Disco kam: Justus Köhncke wird wesentlich

Von Aram Lintzel

Hörprobe: "Der Augenblick" von Justus Köhncke

13. Mai 2002 Mit dem legendären House-Trio Whirlpool Productions hatte er vor Jahren einen Nummer 1-Hit in Italien, "From: Disco To: Disco" hieß der Song. Mit "Was ist Musik" legt der Kölner Produzent Justus Köhncke nun sein zweites Solo-Album vor.

Darauf verschmilzt er Song und Club-Track, Ballade und Baller-Techno zu einem harmonisch-schrägen Elektropop.

Hymnen an die Musik

Justus Köhncke: “Was ist Musik“ (Cover)

Justus Köhncke: "Was ist Musik" (Cover)

Justus Köhncke probiert verschiedene Antworten auf die im CD-Titel aufgeworfene Sinnfrage, bei der seltsamerweise das Fragezeichen fehlt. Die instrumentale, nonverbale Variante bekommen wir gleich im ersten Stück namens "Lucienne" zu hören: Nach einem French-House-haften Filtereffekt setzt plötzlich die Bassdrum ein.

Sie symbolisiert jene euphorische Sprachlosigkeit, die Köhncke später im Titelstück paradox in Worte zu fassen sucht: "Da ist kein Anfang, kein Ende mehr / Und all die Worte sind nur noch leer / Vom Universum ein kleines Stück / Vor der Musik gibt es kein Zurück." Die vorsprachliche Unmittelbarkeit der Sounderfahrung muss aber Fiktion bleiben, sie lässt sich letztlich nicht erreichen. Stets durchzieht deshalb eine untergründige Trauer Köhnckes Songs; hinter den schwelgerischen Synthieflächen lauern Schmerz- und Verlusterfahrungen.

Kratzer im Glanzlack

"Das ist die Wahrheit, das ist die Welt", singt Köhncke zwar mit seinem eindringlichen Anti-Gesang. Doch Wahrheit und Welt scheinen irgendwie unerreichbar. Der hedonistische Glanzlack, der die Songs zum Schimmern bringt, hat unübersehbare Kratzer. Oft desolat, dann aber doch wieder überraschend optimistisch wandert Köhncke durch seine Alltags- und Gefühlswelten.

Einer der Höhepunkte: die im Duett mit Tocotronics Dirk von Lowtzow vorgetragene Liebesballade mit dem Titel "Weil du mich verstehst". Das Leiden, das auch hier genüsslich zelebriert wird, ist ein schönes Leiden. Der englische Ausdruck "I'm happy when I'm sad" beschreibt die Gefühlslage von "Was ist Musik" wohl am passendsten.

Elegantes Jonglieren mit Klischees

Musik ist Heilsbringer und Therapeutikum, so lautet eine Antwort auf die philosophische Titel-Frage. "Ich will zurück zur Illusion", heißt es denn auch in "Illusion", einem Stück, das den Hit "Just an Illusion" von Imagination zu neuem Leben erweckt. Überhaupt operiert Köhncke gerne mit altem, scheinbar abgenutztem musikalischem Material. Während Clubmusik sonst oft auf reine Jetztmomente und unhinterfragte Innovation setzt, arbeitet sich Köhncke an überlieferten musikalischen Mustern ab und mischt ihnen elegant seine persönlichen Signaturen bei.

Wie ein Dandy jongliert er dabei mit den Klischees von Disco, House, Techno und Pop. Sogar das Format Schlager kommt zum Einsatz: Der Song "Du bist nicht allein" stammt ursprünglich von der Band Münchner Freiheit. Köhncke verwandelt ihn in einen elektronischen Schmachtfetzen, der auch für die Tanzfläche taugt. Gerne ergeht sich Köhncke in Kitsch und Trash, jedoch weiß er dabei stets auch etwas von den existentiellen Momenten des Lebens zu berichten.

Das Resultat mag manchmal kokett, grotesk oder auch kontrovers klingen. Bei aller artifiziellen Dandy-Ironie vermag "Was ist Musik" aber doch tiefer gelegene Seelenzonen anzusprechen.

„Was ist Musik“ von Justus Köhncke ist auf Kompakt Schallplatten erschienen.



Text: @aram
Bildmaterial: Kompakt

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