Art Basel

Das verständliche Bedürfnis, großartige Kunst zu kaufen

Von Constanze Crüwell

Daniel Buren: “La Couleur en Mouvement“

Daniel Buren: "La Couleur en Mouvement"

15. Juni 2007 Wie beim Schlussverkauf vor einem Warenhaus sah es aus, als sich zahlreiche Besucher schon früh vor dem Eingang der 38. Art Basel drängten und darauf warteten, dass sich um elf Uhr am Tag der Vernissage die Türen für die Schar mit den silbergrauen „First Choice“-Einladungen öffneten. Um Schnäppchenjäger handelte es sich keineswegs, auch wenn man diesen Eindruck angesichts der atemraubenden Fülle in den Kojen und Gängen gewinnen konnte. Nein - das ist die zweite Station der angelaufenen „Grand Tour“, die von Venedig über Basel nach Kassel und Münster führen soll. Ein offenbar euphorisiertes Publikum bekundet nur sein sehr reales Interesse an der Kunst: Kurz nach Beginn der Vorbesichtigung war überall eine verblüffende Anzahl von roten Punkten zu sehen, der Zeitpunkt des Verkaufs der Werke freilich nicht immer zu ermitteln.

Vor der Messe gab es ja gewisse Befürchtungen, nach den Rekorden bei den jüngsten New Yorker Versteigerungen würden die großen Sammler dieser Welt ihre feinsten Stücke nun doch wohl lieber bei den Auktionshäusern einliefern, als sie einem Galeristen anzuvertrauen - mit entsprechend anämischen Wirkungen für die Art Basel. Doch davon kann keine Rede sein. Wunderbare Kunstwerke sind hier wie eh und je zu sehen und zu haben: So verlockt bei Krugier eine bezaubernde „Femme à la jambe repliée“, die Matisse im Mai 1938 mit gewiss wohlgefälligem Auge in Nizza gezeichnet hat (1,6 Millionen Dollar); rar und heiter ist hier Légers „Charlot Cubiste“, ein 1923 entstandenes Flachrelief aus bunten Hölzern (2,8 Millionen Dollar.) Helly Nahmad präsentiert eine berückende Sammlung von 22 Picasso-Gemälden der sechziger Jahren; ein herrliches „Déjeuner sur l'herbe“ ist für etwa 22 Millionen Dollar zu haben. Anziehende Collagen von Louise Nevelson sind bei Gmurzynska zu sehen (40.000 bis 65.000 Dollar) und eine kleine „Waterloo Bridge“ des Jahres 1866 von Monet (2,6 Millionen Dollar).

Nebeneinander von Moderne und Gegenwart

Frisch aus dem Atelier von Herbert Brandl

Frisch aus dem Atelier von Herbert Brandl

Im messetypischen Nebeneinander von (allerdings spärlicher vertretener) Klassischer Moderne und Gegenwartskunst fallen bei Thomas die prachtvollen „Bergwaldbäume“ von Kirchner aus dem Jahr 1918 für rund 1,8 Millionen Euro auf oder Tom Wesselmanns witziges kleines Objekt mit Tulpe und Schuh (39.000 Euro). Bei Shafrazi ist ein erwartungsgemäß schriller Basquiat zu sehen, „The Field Nest to the Other Road“, der zwanzig Millionen Dollar kosten soll. Und bei Hans Mayer lächelt ein ewig junger Andy Warhol hinter einer Blume auf einem wandfüllenden gemalten Riesenporträt von Dennis Hopper (120.000 Euro). Barbara Weiss präsentiert einige der begehrten frühen Arbeiten von Thomas Bayrle, zum Beispiel „Stalin, rote Version“ für 65.000 Euro.

Gagosian verzichtet auf Schilder; Kenner müssen schließlich wissen, von wem die Werke sind, und Gerhard Richters hinreißende Landschaft mit Wolken von 1969 soll hier um die vier Millionen Dollar kosten. In die Kategorie des sanft surrealen Hintersinns ist bei der Sonnabend Gallery der C-Print „yes, no“ von Boyd Webb einzuordnen, der Elefantenbein-Attrappen als Versteck eines Mannes zeigt. (20.000 Dollar). Lustig sieht auch Erwin Wurms „Fountain for Arthur Rimbaud“ aus: ein Betonbein, aus dessen Zehen das Wasser sprudelt, bei Krinzinger für 38.000 Euro zu haben. Horror oder Spaß? Isa Genzken, im deutschen Pavillon der Venedig-Biennale mit Rollkoffern präsent, zeigt bei David Zwirner Rollstühle, mit knallbunten Schlafsäcken bedeckt (je Exemplar 150.000 Dollar). Bei Werner fasziniert Immendorffs Riesengemälde einer Weltkugel von 2005 (265.000 Euro). Grässlin hat für ein Brandl-Gemälde sofort einen Liebhaber gefunden, ein weiteres war zunächst noch zu haben (40.000 Euro). Tobias Rehberger ist hier vertreten mit der Installation „Kim explores her Father in the Broken Mirror“ aus vergitterten, zerbrochenen oder halb verklebten Spiegeln (Preise von 10.000 bis 55.000 Euro). Nur noch zum Betrachten ist ein bereits bei der Preview komplett verkauftes Konvolut von Frank- Auerbach-Werken bei Marlborough. Eine Renaissance erlebt der Herzen-Maler Jim Dine gleich bei mehreren Galeristen; ein großes Format von 1993 mit ägyptischen Motiven bietet Pauli für 200.000 Dollar an.

Poetisch-explosive Szenen

Auf dem Parcours durch die Halle der Art-“Unlimited“ nebenan überrascht die aufgelockerte Präsentation, anders als im vergangenen Jahr, als dieses Event eher überinszeniert wirkte. Erreichen kann man die Halle über die seitlichen Rolltreppen, auf denen sich Daniel Buren verewigt hat: Die sonst so grauen Stufen hat er mit seinen Streifenbildern beklebt; seit 1979 schon nimmt er diese Intervention an verschiedenen Orten vor. Die Galerie Caaw aus Luzern und Peking hat das Werk „Fragments“ vom documenta-Künstler Ai Wei Wei mit nach Basel gebracht: Aus Balken und Resten zerstörter Tempel der Qing-Dynastie hat er eine massive Säulen-Skulptur geschaffen, die, von oben gesehen, wie der Grundriss einer Landkarte von China aussieht. Claire Fontaine schreibt nicht weit entfernt mit Neonröhren „Strike“ in die Luft; die Installation der Galerie Air de Paris ist aus dem Jahr 2005. Unter den „Statements“ fällt in diesem Jahr die Videoarbeit des Libanesen Akram Zaatari in der Galerie Sfeir-Semler, Hamburg und Beirut, auf: In poetisch-explosiven Szenen sieht man Videostills von Bombeneinschlägen, die im Sekundentakt aneinandergereiht sind. Immer wieder ändern sich deren Ausschnitte - als ob die einzelnen Detonationen so dokumentiert seien, als eindrückliche Zeugnisse des Krieges. Konstanze Crüwell

Bis 17. Juni auf der Messe Basel. Eintritt 30 Franken. Katalog 55 Franken.

Text: F.A.Z., 16.06.2007, Nr. 137 / Seite 49
Bildmaterial: AFP, Galerie Bärbel Grässlin, Galerie Buchholz, Swantje Karich

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