Wilhelm Genazino

Loblied auf die Langeweile

Kritiker der Freizeitindustrie: Wilhelm Genazino

Kritiker der Freizeitindustrie: Wilhelm Genazino

23. Oktober 2004 Der in Frankfurt lebende Schriftsteller Wilhelm Genazino hat am Samstag in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis erhalten. Das Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung würdigte den 61jährigen als „unbändigen Komödianten mit der barmherzigen Seele, der unsere Zeit belauscht und ausspäht“. Der „detailversessene“ und „eigensinnige“ Autor verfüge über eine „wunderbar musikalische Prosa“. Der Preis ist mit 40.000 Euro dotiert.

In seiner Dankesrede machte sich Genazino Gedanken über die Untröstlikeit der Literatur, die er mit einem Gebet verglich. In beiden Fällen „handelt es sich um leidenschaftliche Einreden, Bitten, Vorschläge, die einzelne Menschen an übermächtige Instanzen richten: an die Wirklichkeit, an die Geschichte, an die Gerechtigkeit.“ In beiden Fällen sei auch „eine Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen vorhanden“. So stecke in jedem Buch die Einsicht in einen Mangel, sagte Genazino. „In der Literatur - und nur in der Literatur überlebt die Sehnsuchtswirtschaft der Menschen.“

Vom Umgang mit dem Scheitern

Im Alltäglichen das Verblüffende: Genazino

Im Alltäglichen das Verblüffende: Genazino

Den Namensgeber des Preises, Georg Büchner, beneidete Genazino um seine „traumhafte Gewissheit von der eingreifenden Wirkung von Literatur“. Immerhin sei er für seine im Hessischen Landboten veröffentlichten Artikel steckbrieflich gesucht worden. Seine Theaterstücke, die sich immer um die Frage des Scheiterns drehten, seien bis heute modern. Vor allem der Umgang von „Leonce und Lena“ mit der Langeweile sei vorbildlich. Die beiden literarischen Figuren versuchten die Langeweile nicht zu vertreiben, sondern nähmen sie an. „Von dieser Errungenschaft sind wir meilenweit entfernt“, sagte Genazino mit Blick auf die aktuelle Freizeit-Industrie.

„Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. Unsere Erlebnisplaner haben sie zu unserem Feind erklärt. Als Ersatz bieten sie uns hochdosierte Fremdunterhaltung an: die permanente Fernsehshow, die Massenparty, der Urlaub, die Promiskuität, der Konsum - und so weiter“, beklagte Genazino - und weiter: „Nicht so Büchner. Bei ihm wird Langeweile erkennungsdienstlich behandelt; das heißt vor allem: sie wird dargestellt, untersucht und zerlegt, oft so lange, bis sie einer neuen Beschäftigung weicht, die unversehens aus dem Stillstand hervorgeht. Für derartig geduldige Transformationen fehlt uns heute die Gelassenheit und die Bildung.“

Literaturkritiker Helmut Böttiger bezeichnete in seiner Laudatio das Werk Genazinos als Psychogeschichte Deutschlands: „Er kriecht in die Eingeweide der Bundesrepublik, er seziert das, was man früher "Kleinbürgertum" genannt hat.“ Dabei gelinge dem Autor ein Wunder: Er registriere unbestechlich die absurde und lächerliche Unwirtlichkeit des Alltags. „Und dennoch schlägt man das Buch zu und hat das Gefühl, daß das Leben eigentlich ganz schön ist.“ Mit seinen Alltagshelden betreibe Genazino „Subversion“ gegen gesellschaftliche Trends. „Dazu gehört auch, daß er mit der Schreibmaschine schreibt.“ Damit spüre er selbst den Widerstand, von dem er immer erzähle.

Unspektakuläres Vokabular

Für sein unspektakuläres Vokabular lobte die Kulturstaatsministerin Christina Weiß (parteilos) den Preisträger. Damit gehe er so virtuos um, daß er die Leser begeistere. Seine scharfe Beobachtungsgabe lasse den Alltag als „seltsam fremde Welt“ erscheinen.

Bei dem Festakt zeichnete die Akademie außerdem zwei weitere Autoren aus. Der Historiker Karl Schlögel erhielt den Sigmund-Freud- Preis für wissenschaftliche Prosa und die Schriftstellerin Anita Albus den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik. Der 56 Jahre alte Schlögel lehrt Osteuropäische Geschichte an der Europa- Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Anita Albus (61) schreibt und malt in München und im Burgund. Das Preisgeld beträgt je 12.500 Euro.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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