Medien

Angstmacher - RTL setzt noch einen drauf

Von Michael Hanfeld

Neue Aufgaben warten schon

Neue Aufgaben warten schon

18. Januar 2004 All jenen, die sich zur Zeit mit ihrer Kritik an der RTL-Show „Ich bin ein Star“ überbieten, müssen wir raten, mit der gebotenen Entrüstung hauszuhalten. Denn es wird noch alles viel, viel schlimmer.

Und es wird wirklich Grund geben, von Ekel und Entwürdigung zu sprechen. Denn RTL setzt nicht nur die Dschungelshow mit sogenannten Prominenten fort, wie der Sprecher Christoph Körfer dieser Zeitung sagte, sondern beginnt noch „im Frühjahr“ mit einer anderen Sendung, die man in der Tat als die ultimative Ekel-Show wird bezeichnen können: „Fear Factor“ heißt sie, stammt von der Firma Endemol aus Holland und läuft seit dem Sommer 2001 bei dem amerikanischen Sender NBC montags abends zur besten Sendezeit mit so großem Erfolg, dass der Vertrag mit dem Produzenten gerade bis 2007 verlängert wurde. Dort wird all das, was sich RTL an Mutproben aufs Ekel-Exempel im Augenblick noch versagt, in die Tat umgesetzt.

In den Hauptrollen: Würmer, Blut und Fäkalien

Würmer, Blut und Fäkalien spielen in der Show, auf welche die Landesmedienanstalten ihre Bulletins vielleicht schon einmal im vorhinein abstellen sollten, eine Hauptrolle. Sie stehen auf dem Speiseplan der pro Woche sechs Kandidaten, denen Aufgaben gestellt werden, die mit ihren größten, persönlichen Ängsten verbunden sind. Wer Höhenangst hat, jongliert also dreißig Meter über dem Boden herum, wen Klaustrophobie plagt, der kommt in den Karton. Um von den in dieser Show kredenzten Mahlzeiten angewidert zu sein allerdings braucht es keiner besonderen Ängste. Kuhaugen, Pferdedarm und Fäkalabwasser sind wohl nach niemandes Geschmack.

Wer bei „Fear Factor“ am Ende aber 50.000 Dollar, im Höchstfall sogar bis zu einer Million gewinnen will, der muß in den sauren Apfel beißen, auch wenn er aus Kakerlaken und Stinkkäfern besteht, der Kenner nimmt dazu einen trockenen, selbstgepreßten Wurmwein. Alles nach dem Motto: Angst essen Skrupel auf. Die Beschreibung der Prüfungen im Internet (unter www.nbc.com) ist bereits hinreichend appetitverderbend. Amerikas Fernsehkritiker sprechen von einer „widerwärtigen, entwürdigenden Show“, die NBC nichtsdestotrotz grandiose Einschaltquoten beschert. Die Show läuft familienfreundlich bereits um viertel nach acht.

Für Promis, die nichts mehr zu verlieren haben

Ursprünglich für das hiesige Programm avisiert hatte der Sender RTL 2 diese Sendung, die zeigt, auf welch rabiate Mittel der Muttersender RTL setzt, um seine Marktführerschaft zu behaupten. Während das anspruchsvolle Serienkunstwerk „24“ im März bei RTL 2 beginnt, ist bei RTL zur selben Zeit mit „Ich bin ein Star“ zu rechnen. Dann können mit den nächsten zehn „Promis“, die nichts mehr zu verlieren haben, auch all jene Spielchen getrieben werden, die man sich derzeit im Camp (vor allem aus logistischen Gründen) noch versagt. Daß dies eher ein gut bewachter, hermetisch abgeschirmter und obendrein mit einer Plane überdachter Abenteuerspielplatz ist, sollte derweil niemanden überraschen. Die Show schließlich seit zwei Jahren schon für aller Herren Länder am Fließband produziert. All die kleinen Leiden aber, die wir derzeit bezeugen, werden vergessen sein, wenn erst „Fear Factor“ läuft. Bei dem Programm darf einem in der Tat angst und bange werden, und die Frage, ob dies Ekel-TV oder Unterhaltung sei, wird sich dann auch erledigt haben. RTL scheint seine Zuschauer zum Fressen gern zu haben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2004. Nr. 15
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Fernsehen

Wie wir lernten, unser Mitleid zu verlieren

Zwei Schläger im Ring: MTVs “Celebrity Deathmatch“

Während wir früher noch durch Schlüssellöcher schauten, sind die Türen nun weit aufgestoßen - doch es vermag uns kaum noch zu schrecken. Wir haben schon zuviel gesehen. Eine Chronik des schlechten Geschmacks im Fernsehen.

Wellenreiter

Singende Männer im Urwald

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

Costa Cordalis und Johnny Rotten haben mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten möchte. Beide haben Gold in der Kehle und sind für ein paar Kröten bereit, sich im australischen Urwald filmen zu lassen.

Interview

Das ist römische Unterhaltung

Nicht die ersten Insekten im Reality-TV: Küblböcks Kakerlaken

Das Finale der RTL-Show "Hilfe, ich bin ein Star" ist nur eine Etappe im Verlauf des Reality-Fernsehens. Ein Gespräch mit dem Chef der Landesmedienaufsicht NRW über Grenzen im Fernsehen.

Medien

Es wird alles noch viel schlimmer kommen

Werner Böhm alias “Gottlieb Wendehals“ im Glaskasten

Beim Überlebenskampf im Dschungel boomt der Voyeurismus - Aber: Mit dem Finale von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ist längst nicht alles überstanden.

Wellenreiter

Protestnoten

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

Das sogenannte „Dschungel-TV“ ruft in diesen Tagen eine schier unübersichtliche Vielzahl von Mahnern und Warnern, Kritikern und Politikern auf den Plan. Eine Übersicht von A wie Abenteurer bis V wie Verbraucherschutzministerin.

Fernsehen

Eine Frage der Einstellung

So soll es sein: Caroline Beil im Dreck

Daß es eine zweite Staffel der RTL-Dschungelshow geben wird, bleibt zu befürchten. Schließlich wollen sechs bis acht Millionen Menschen täglich sehen, wie sich vermeintlich Prominente zum Gespött machen.

Interview

„Bei der Geburt und bei der Hinrichtung von Helden dabeisein“

Deutschland, deine “Stars“: Stahnke, Küblböck

Der Psychiater Mario Gmür im Interview mit der F.A.Z. über den jüngsten RTL-Einfall „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“, die Lust am Quälen und künstliche Prominenz.

In medias res

Gebt uns "Tutti Frutti" wieder!

Caroline Beil - und man sehnt sich nach “Tutti Frutti“

Die RTL-Show, „Ich bin ein Star“, bringt die Kandidaten zur Verzweiflung. Uns aber bewegt die Hoffnung, daß dies die vorletzten Zuckungen einer Programmgattung sind, die mit "Big Brother" begann und wohl erst endet, wenn Kandidaten sich duellieren.

RTL

Foltermethoden

An "Foltermethoden" fühlt sich Jo Groebel, der Direktor des Europäischen Medieninstituts, erinnert, und auch die Landesmedienanstalten wollen sich die RTL-Show "Ich bin ein Star" kritisch ansehen. Allerdings erst im Nachhinein.