Von Linda Benkner
16. Mai 2007 Während die Diskussion über Nutzen und Schaden von Computerspielen von einem Höhepunkt zum nächsten eilt, frönen die unbesorgten Japaner ihrem neuen Volkssport Gehirntraining schon an zwei Fronten: an der Spielkonsole und zugleich mit dem Buch. Der jetzt ins Englische übersetzte Bestseller Train your Brain: 60 Days to a Better Brain von Ryuta Kawashima, der ein entsprechendes Spieleprogramm ergänzt, ist sage und schreibe mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft worden.
Der Autor, bekannt als Dr. Kawashima, ist eigentlich kein Freund von Videospielen, trotzdem begleitet er selbst als Comicfigur das nach ihm benannte Gehirnjogging-Programm. Mehr als zwei Millionen Mal wurde es in Japan verkauft. Besonders gefragt ist es in Altersheimen. Auch in Deutschland gibt es Engpässe bei der Auslieferung, und auch hier sind die meisten Käufer längst erwachsen.
Wer nicht trainiert, der altert
Wenn man das Spiel einschaltet, lächelt einem der gutgelaunte Professor entgegen. Zunächst errechnet er anhand verschiedener Tests wie schnelles Kopfrechnen oder Zählen von bestimmten Elementen das geistige Alter des Spielers - bei guten Testergebnissen wird für den Gehirnjogger ein junges Alter errechnet. Untrainierte Gehirne sind natürlich viel älter als der Körper und können die zwanzig Rechenaufgaben nicht in der Rekordzeit von elf Sekunden meistern. Der mondgesichtige Brillenträger lacht den Gehirnjogger dann erst mal aus und schätzt sein geistiges Alter auf achtzig Jahre. Zugleich ermuntert er ihn jedoch voller Zuversicht, es gebe noch Hoffnung. Und tatsächlich verbessern sich die Ergebnisse von Tag zu Tag.
Nebenbei gibt der Japaner kluge Ratschläge für den Alltag: beim Zähneputzen soll man zählen, wie oft man die Zahnbürste bewegt. Obendrauf erfahren wir Binsenweisheiten, etwa dass das Gehirn morgens am aktivsten ist. Die putzige Animationsfigur spottet und grinst, mäkelt und lobt - und ist außer sich vor Freude, wenn man fleißig trainiert.
Gehirnjogging als Breitensport
Kawashimas Übungen haben einen ernsten wissenschaftlichen Hintergrund. Er selbst ist Hirnforscher. Und mit Hilfe der Magnetresonanztomographie konnte er Stoffwechselvorgänge im Gehirn in einer hohen räumlichen Auflösung visualisieren. Anhand der Fotografien bewies er, dass das Gehirn beim Lösen schwieriger Rechenaufgaben erheblich weniger Aktivität zeigt, als während dem schnellen Lösen einfacher Rechenaufgaben oder bei lautem Vorlesen. Konzentration und Schnelligkeit des Denkens können mit abwechslungsreichen Aufgaben trainiert werden.
Gehirnjogging-Vereine gibt es hierzulande schon seit den achtziger Jahren, erfunden hat es der Japaner also nicht. Auch seine Übungen erinnern größtenteils an Aufgaben, die man aus Schulzeiten und Intelligenztrainern schon kennt. Und dennoch hat es erst Dr. Kawashima geschafft, dem Gehirnjogging auch hierzulande zum Breitensport zu verhelfen.
Text: F.A.Z., 16.05.2007, Nr. 113 / Seite 20
Bildmaterial: Nintendo
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