Popkultur

Besser als ihr Ruf: Revivals

Von Fridtjof Küchemann

Zoot Woman: Die Blässe stimmt, der Schlips ist zu breit

Zoot Woman: Die Blässe stimmt, der Schlips ist zu breit

10. September 2001 Man sah sie lange kommen, die 80er Jahre. Jetzt sind sie da. Widerstand zwecklos.

„Tu nicht so, als würdest du dich nicht erinnern“, textete die Filmwerbung noch 1998, als der amerikanische Film „Eine Hochzeit zum Verlieben“ in den Kinos anlief, eine Reihenschaltung von 80er-Jahre-Souvenirs. Schon damals, suggeriert der Slogan, gab es kein Entrinnen.

Das waren noch Zeiten: Depeche Mode in den 80ern

Das waren noch Zeiten: Depeche Mode in den 80ern

Inzwischen sind Modern Talking zurück und Depeche Mode, die nach außen frisierte Fönwelle und der Nietengürtel. Die Gnade der späten Geburt erlaubt den heute 20-Jährigen ein ungetrübtes Vergnügen an diesen Überlieferungen. Und die heute 30-Jährigen sind inzwischen aus dem Gröbsten raus: Die Zeichen der damaligen Zeit sehen sie heute mit abgeklärter oder ironischer Distanz. Dass die 80er niemandem mehr wehtun, macht ihr Revival jetzt so erfolgreich.

Zeit heilt alle Wunden

1992 war es noch eine kleine Gruppe unerschrockener Studenten an der New York University, die sich in der „80's Preservation Society“ wohl als erste dem lebendigen Andenken an eine Zeit verschrieben hatten, die viele andere am liebsten schnell vergessen wollten. Dieses Vergessen-Wollen ist eine zweite wichtige Voraussetzungen für die geglückte Wiederkehr.

Oft versöhnt ein Revival Dinge, die vorher Gegensätze waren. Breakdancer, die in einem Video-Clip von Modern Talking ihre Pirouetten drehen, hätte man vor 15 Jahren nicht gezeigt. Auch Kleidung bot die Gelegenheit feiner und feinster Zeichen der Zugehörigkeit und Abgrenzung. Im Revival treten solche Differenzierungen zurück. An deren Stelle tritt das Bekenntnis.

Ironische Ungebrochenheit

Das kann durchaus ironisch gebrochen sein. Wenn sich die Jugend trifft, um auf Schlagerparties aus voller Kehle mitzusingen, ermöglicht erst die ironische Distanz das ungetrübte Vergnügen.

Auf den aktuellen 80er-Jahre-Parties setzt man - anders als auf den Schlagerparties des 70er-Revivals - eine grimmige, abgeklärte Miene auf. Das tut der Stimmung keinen Abbruch, veranschaulicht aber gut, mit welcher lustvollen Mischung ein Revival gefeiert wird: Die Musik muss stimmen, die Garderobe und die Pose auch.

Nostalgie und Neuerung

Identität und Differenz: Depeche Mode 2001

Identität und Differenz: Depeche Mode 2001

Als sich im Mai dieses Jahres Depeche Mode mit dem Album „Exciter“ zurückmeldete, erlebte ein Sub-Genre der Themenparty „80er Jahre“ seinen Höhepunkt. Auf den „Depeche Mode-Parties“ feiern die Fans begeistert ihre Jugend. Dass sich die Band seitdem musikalisch weiterentwickelt hat, tut nichts zur Sache.

Man tanzt zu „Master and Servant“ oder „People are People“ - am letzten Wochenende im August gleich sechs Mal in Deutschland. They just can't get enough. Natürlich lebt das Comeback der inzwischen zum Trio geschrumpften Band vom Erfolg der damaligen Zeit. Das neue Album wird von den Fans der alten Zeiten mit Begeisterung, zumindest mit Wohlwollen aufgenommen - eine friedliche Ko-Existenz von Nostalgie und Neuerung.

Bands wie „Zoot Woman“ oder „Fischspooner“ profitieren auf andere Art von der Aktualität der 80er - und aktualisieren zugleich Positionen und Posen der damaligen Zeit: die undurchdringliche Oberfläche, die dekadente Geste, der Lack der Künstlichkeit in der Selbstinszenierung. „Wir hassen die Achtziger“, behauptet das New Yorker Duo Fischerspooner in Interviews - und verweist damit auf einen ambivalenten Umgang mit einem Gesten-Repertoire, das die Musiker überlegt einsetzen.

Zu Unrecht wird das Revival als Rettungsanker der Musikindustrie verschrieen. Es offenbart und bündelt Verfahren aus dem tiefsten Inneren der Popkultur: den Umgang mit den Zeichenvorräten verschiedener Epochen und Gruppierungen.

Text: @kue
Bildmaterial: Mute, Worldwide

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