14. Juni 2004 Ich bin kein großer Fan von Ulysses. Das Buch erinnert mich an eine unheimliche Kathedrale, durch die fröstelnde Touristen eilen, während geweihte Kritiker, die das Geheimnis all der Symbole, mit denen der riesige Raum vollgestopft ist, verstanden haben wollen, von ihren Verehrern um Deutung gebeten werden und Staat und Wissenschaft immerzu beteuern, das sei wirklich garantiert große Kunst.
Aber das Problem ist weniger die Schwierigkeit des Buches als vielmehr der besondere Status, den es erreicht hat. Es ist zum Inbegriff für große Literatur geworden. "Ulysses" ist der heilige Text der Moderne und führt regelmäßig die Listen der besten Romane der 20. Jahrhunderts an. Die Botschaft für den normalen Leser lautet folglich: Literatur ist fürchterlich schwer zu lesen. Und die Botschaft für den ehrgeizigen jungen Schriftsteller: Extreme Schwierigkeit ist der beste Weg, Respekt zu erlangen.
Das ist bescheuert. Es ist vor allem bescheuert in einer Zeit, in der das gedruckte Wort um sein Überleben kämpfen muß. Wenn jemand sich überlegt, fünfzehn oder zwanzig Stunden zu investieren, um ein Buch von mir zu lesen - fünfzehn oder zwanzig Stunden, die in Kinos oder im Internet oder mit Extremsport verbracht werden könnten -, dann wäre das letzte, was ich wollte, ihn auch noch mit übertriebener Schwierigkeit zu bestrafen.
Jonathan Franzen lebt in New York und wurde 2001 mit seinem Roman "Die Korrekturen" berühmt.
Bildmaterial: dpa
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