TripHop

Das Ende einer Beziehung

Von Harald Staun

Nur die Stille ist schöner: Beth Gibbons zelebriert die Einsamkeit

Nur die Stille ist schöner: Beth Gibbons zelebriert die Einsamkeit

10. Februar 2003 Es wäre vermutlich besser gewesen, über diese Platte zu schreiben, ohne sie sich vorher anzuhören. Man hätte einfach ein paar der Kritiken gelesen, überwiegend Protokolle persönlicher Enttäuschung, hätte sich über die hohen Erwartungen gewundert und über ihre Nichterfüllung gefreut: Braucht wirklich jemand noch Massive Attack? Im Jahre 2003? Das Comeback des Trip-Hop würde so ungebeten kommen wie das des Irak-Kriegs, der aus irgendeinem Grund immer dann auszubrechen droht, wenn die Band aus Bristol ein neues Album veröffentlicht.

Es wäre vermutlich besser gewesen, diese Platte anzuhören, ohne vorher die Kritiken zu lesen. Man wäre dann ganz allein gewesen mit dieser wunderbaren Stimme, ohne im Hintergrund all die Lobeshymnen zu hören, allein mit der Stimme, die einst dem Trip-Hop Leben einhauchte, so brüchig und zart, daß man glaubte, die weichen Grooves des Genres wären nur erfunden worden, um den Gesang dieser Frau schützend in Watte zu hüllen. Wenn jetzt, gleichzeitig mit Massive Attacks "100th Window", auch ein neues Album der Portishead-Sängerin Beth Gibbons erscheint, so handelt es sich bei letzterem um den mutigeren Versuch, sich von der Bürde eines zur Form geronnenen Stils zu befreien. Und um den gelungeneren Versuch.

Meister der Konsensmusik

Musik in Auflösung: Massive Attack

Musik in Auflösung: Massive Attack

Wie kaum ein anderer Sound wurde Trip-Hop zum Opfer seines eigenen Erfolgs. Wie ein klebriger Brei kam ihre stilistische Melange damals auf einen zu, langsam und zäh und mit einer hypnotischen Kraft, der man kaum entkommen konnte. Robert "3D" Del Naja, Andrew "Mushroom" Vowles und Grant "Daddy G." Marshall waren keine großen Musiker, sie waren einzigartige Fusionskünstler. Sie glätteten die Brüche zwischen den einzelnen Samples so lange, bis sich nicht nur Dub-Reggae, Soul und Hip-Hop in den Stücken auflösten, sondern auch alle ästhetischen Vorbehalte der Hörer. Sie waren die Meister der Konsensmusik, und allenfalls mit den schwerelosen Klängen der französischen Popgruppe Air konnte man später ähnlich sicher sein, auf einer Party keinen einzigen seiner Gäste zu vertreiben.

Trip-Hop erzeugte, wie es einmal die "Zeit" ausdrückte, "ein träumendes Schlendern durch Bilder im Kopf, das man mit Denken verwechselt". Daß sie unzähligen Nachahmern den Weg wiesen, der sich so verheißungsvoll in der britischen Poplandschaft der frühen neunziger Jahre öffnete, half Massive Attack selbst am wenigsten. So inflationär verbreitete sich ihr Sound, bis nur noch ein wässeriger Aufguß übrigblieb: was vielleicht die einzige Chance war, seinem Bann zu entkommen. Für alle, außer für die Band selbst.

Gescheiterter Versuch der Weiterentwicklung

Beth Gibbons & Rustin Man: “Out Of Season“ (Cover)

Beth Gibbons & Rustin Man: "Out Of Season" (Cover)

Fünf Jahre sind seit der letzten LP vergangen, und daß das neue Werk praktisch zu einem Soloprojekt von Del Naja geriet, hat vor allem damit zu tun, daß bei Massive Attack das Verhältnis zu Harmonien schon immer unter umgekehrten Vorzeichen stand: Statt ihre Aggressionen lebten sie ihre Sanftheit musikalisch aus, weshalb davon für die bandinterne Atmosphäre nicht viel blieb. Vowles, der den Sound der ersten beiden Alben vermutlich am entscheidendsten prägte, verließ 1999 das Trio, nachdem Del Naja auf dem Album "Mezzanine" das ästhetische Regime an sich gerissen hatte.

Marshall befindet sich dem Vernehmen nach in einer Babypause. Schon allein deshalb ist "100th Window" weniger das Dokument einer künstlerischen Stagnation als der gescheiterte Versuch der Weiterentwicklung. Selbst Gastsängerin Sinead O'Connor kann nicht verhindern, daß es diesmal die Platte selbst ist, die sich auflöst: Man kann sie sich fünfmal hintereinander anhören, ohne sich großartig zu langweilen. Aber auch nach dem zehnten Mal wird man sich an keines der Stücke erinnern.

Nicht Musikerin, sondern Medium

Massive Attack: “100th Window“ (Cover)

Massive Attack: "100th Window" (Cover)

Schon "Mezzanine" war das Requiem auf den Trip-Hop. Noch einmal konnte die Band hier ihren Sog entwickeln, düster und melancholisch, und daß darauf mit "Teardrop" der vielleicht ergreifendste Song des Genres zu finden ist, lag auch damals schon an der Stimme von Beth Gibbons. So schön die Songs von Geoff Barrow, Gibbons' Partner bei Portishead, auch waren und so großartig die anderen Gastsängerinnen bei Massive Attack: "Teardrop" war die Traumhochzeit. Und das Ende einer Beziehung. Gibbons' neuer musikalischer Partner nennt sich Rustin' Man, heißt mit bürgerlichem Namen Paul Webb und war als Bassist von Talk Talk in den achtziger Jahren ähnlich stilprägend wie Portishead eine Dekade später.

Und es ist wohl auch seiner zurückhaltenden Inszenierung zu verdanken, daß aus der Asche des Trip-Hop eine Beth Gibbons auftaucht, die erstmals ihr eigenes Profil zu erkennen gibt, die die sanften Computerbeats nicht mehr als doppelten Boden braucht, die in den besten Momenten so klingt, als wäre das ganze Orchester nur das Echo ihres Gesangs. Ein nahezu klassisches Songwriter-Album haben Gibbons und Webb mit "Out of Season" produziert, einsam und voller Weltschmerz. Der Titel ist alles andere als Koketterie, da mögen die ungeschminkte Bauerntochter und ihr nicht weniger moderesistenter Begleiter beim Herbstspaziergang im Video zur Singleauskopplung "Mysteries" ihre Zeitlosigkeit noch so betonen.

Als Beth Gibbons mit Portishead bekannt wurde, da mochten viele Kritiker kaum glauben, daß sich die Frau, die so sehr nach Billie Holiday klang, bis kurz vorher als Janis-Joplin-Interpretin durch die Pubs geschlagen hatte. Zwar konnte man sie sich schon damals kaum im Abendkleid vorstellen, aber wer heute Bilder der 37jährigen sieht, fragt sich, ob selbst eine Stadt wie Bristol nicht schon immer zuviel Glamour für die schüchterne Gibbons besaß. Bis diese Stimme wieder erklingt, die in zehn Stücken ihre ganze Vielfältigkeit ausspielt, die manchmal wie Nico klingt, wie Marianne Faithfull oder wie Mrs. Bryan Ferry, ohne dabei jemals verwechselbar zu werden. Auch Beth Gibbons ist keine Musikerin. Sie ist ein Medium. Als "the most beautiful sound next to silence" beschrieb der "Melody Maker" einst die Musik von Portis-head. Ohne den Trip-Hop ist Beth Gibbons der Stille noch näher.

"100th Window" von Massive Attack ist auf Virgin Records erschienen, "Out of Season" von Beth Gibbons & Rustin' Man auf Polydor.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.02.2003
Bildmaterial: Eva Vermandel, FAZ.NET, Polydor, Virgin

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