05. Juni 2002 Der Frankfurter Suhrkamp Verlag wird Martin Walsers umstrittenen Roman Tod eines Kritikers veröffentlichen. Dazu habe sich Verlagsleiter Günter Berg trotz kontroverser Diskussionen und Bedenken im eigenen Haus entschlossen, teilte Suhrkamp am Mittwoch mit.
Das Buch soll am 26. Juni erscheinen. Der Verlag halte auch nach den Antisemitismus-Vorwürfen gegen Walser an seiner Tradition fest, ein Forum für Debatten zu sein.
Die politische Konstellation, in welche Walsers Manuskript geraten war, hat seine erste Rezeption mit Vor-Urteilen belastet, die der Verlag, bei allem Respekt für das Gewicht der Einwände und ihre Motive, für überzogen hält, heißt es in der Suhrkamp-Erklärung weiter. Unter diesen Umständen tut der Verlag, was er seinem Autor und der Öffentlichkeit schuldig ist: Er publiziert den Roman in der von Martin Walser verantworteten Textform.
Reich-Ranicki: Bedauerliche Entscheidung, aber kein Skandal
Marcel Reich-Ranicki, der in dem Roman karikiert wird, hatte dem Verlag dringend von einer Veröffentlichung abgeraten. Die Entscheidung Suhrkamps nannte der Literaturkritiker in einer ersten Stellungnahme sehr bedauerlich. Das Buch stehe im Widerspruch zur Suhrkamp-Tradition.
Ein Verlag mit dieser wunderbaren Tradition, der Verlag von Ernst Bloch, Walter Benjamin, Theodor Adorno, Paul Celan und vielen anderen sollte ein solches ärgerliches und beschämendes Machwerk nicht bringen. Nur: Ein Skandal ist diese Entscheidung nicht. Denn das Buch muss unbedingt erscheinen. Er verstehe, dass der Verlag sehr genau habe abwägen müssen, sagte Reich-Ranicki.
Martin Walser selbst nannte den Entschluss des Verlags einen Grund zur Freude. Im übrigen wolle er sich zu der Debatte über das umstrittene Buch nicht mehr äußern, betonte der Autor.
Text: dpa
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