Tonträger

Köstliche Geheimniskrämerei: Die CD „Secret Rhythms“

Von Fridtjof Küchemann

Hörprobe: "Royal Roost" von Jaki Liebezeit und Burnt Friedman

06. Mai 2002 „Ich persönlich“, sagte der Schlagzeuger Jaki Liebezeit kürzlich in einem Interview der Online-Ausgabe der „Zeit“, „habe dem Jazz schon lange abgeschworen, schon vor 30 Jahren, inzwischen habe ich auch den Rock überwunden.“

Damals, vor 30 Jahren, gehörte Liebezeit zu Can, einer der wichtigsten experimentellen Rockbands ihrer Zeit in Europa. Davor hat Liebezeit mit Jazzgrößen wie Chet Baker gespielt. Später haben so unterschiedliche Musiker wie Depeche Mode und Bill Laswell auf sein Schlagzeugspiel zurück gegriffen. Jetzt hat der eigenwillige Rhythmiker mit dem Produzenten Bernd Friedmann alias Burnt Friedman die CD „Secret Rhythms“ veröffentlicht.

Jaki Liebezeit, Burnt Friedman: “Secret Rhythms“ (Cover)

Jaki Liebezeit, Burnt Friedman: "Secret Rhythms" (Cover)

Und das ist nicht zuviel versprochen: Tatsächlich sind beide in einem geheimnisvollen musikalischen Niemandsland jenseits von Jazz und Rock angekommen. Hier verbinden sich elektronisch erzeugte und manipulierte Klänge, Samples aller erdenklichen Instrumente, originär Jazziges und vielschichtige Rhythmik zu einer abenteuerlichen, anspruchsvollen, faszinierenden Musik.

Emanzipation des Schlagzeugs

Es sind allerdings nicht so sehr die Titel gebenden Rhythmen, die das Geheimnis der Aufnahme ausmachen. Selten eingesetzte Taktarten ersetzen das gängige Auf und Ab des Metrums durch ein ungewohntes Kreisen, das nur selten mehrdeutig wird. Den Rhythmus konstituiert nicht allein das reduzierte Schlagzeug Liebezeits, der ohne Bassdrum spielt, dafür nach Bedarf Hirschglocke, Gong oder die indische Dholak.Eine Vielzahl elektronischer Klangschnipsel, melodiefähige Perkussionsinstrumente wie das afrikanische Daumenklavier Kalimba und Gitarren- oder Bassamples, die durch ihre Kürze ebenfalls zum Teil eine perkussive Funktion bekommen, umgeben die Drum-Spur, ersetzen sie zum Teil und bewirken neben klanglicher Komplexität und beachtlichem Groove vor allem eines: Sie unterstützen die musikalische Emanzipation des Schlagzeugs.

Geheime Melodien

Josef Suchy und Morten Grønvad waren mit Friedman und Liebezeit im Studio. Ihnen verdanken die „Secret Rhythms“ einerseits die Funk-Einwürfe und delikaten verzerrten Gitarren-Riffs, andererseits die glasklar-glockigen Linien und sanft schwingenden Akkorde des Vibraphons. Friedmann ergänzt die Melodiebildung mit verschiedenen Synthesizern, mit Steeldrum, Kinderklavier und Melodika.

Das Irritierende: Melodien kommen kaum vor. Und wenn sich die Phrase eines Instruments doch zu einer melodischen Aussage verdichtet, zieht sie sich schnell wieder zurück. Und dennoch entsteht aus den vielfältigen Einwürfen der verschiedenen Instrumente und ihrer elektronischen Verfremdungen etwas Melodisches, eher als Wirbel als Spuren.

Der CD liegt ein Faltblättchen mit Tracklisting und einer Liste der eingesetzten Instrumente bei. Auf ihm wendet sich eine gezeichnete Figur fordernder Geste direkt an den Leser: „Remember: Less Is A Bore, Humans Need More!“ Langeweile kann man Friedman und Liebezeit tatsächlich nicht vorwerfen bei ihrer Gratwanderung zwischen der freien Kombination signalhafter Klänge und strenger musikalischer Struktur, jenseits der Konventionen von Jazz und Rock.

„Secret Rhythms“ von Burnt Friedman und Jaki Liebezeit ist auf Nonplace / EFA erschienen.



Text: @kue
Bildmaterial: Nonplace

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Tonträger

Habermas im digitalen Jazzkeller: Andrew Peklers neue CD

Spezial Auf „Station To Station“ entwickelt Andrew Pekler eine gewitzte Spielart des digitalen Jazz.

Tonträger

Swinging St. Pauli: Die Sterne leuchten wieder

Raffinierte Irrlichter: Die Sterne

Spezial Auf "Irres Licht" scheint sich die Hamburger Band Die Sterne am psychedelischen Pop der 60er Jahre zu orientieren.

Tonträger

„Shameless“: Elektro-Entertainer Gonzales singt und siegt

Spezial Auf seiner dritten CD „Presidential Suite“ macht Elektro-Entertainer Gonzales die Pose zum zentralen Thema.

Tonträger

Süße Oberfläche und Bitteres dahinter: Elektronische Musik von Wechsel Garland

Wechsel Garland: “Liberation Von History“ (Cover)

Unter dem Namen Wechsel Garland veröffentlicht Jörg Follert ein Album mit vielschichtiger, melodiöser elektronischer Musik.

Tonträger

Der wie ein Wolf heult

„Plastic Fang“, das neue Album der Jon Spencer Blues Explosion, überrascht mit klassischem Blues Rock.

Tonträger

Soul und Funk im Techno-Beat: Soul Center III von Thomas Brinkmann

Der Flügel ist ein Kofferraum: Soul Center aka Thomas Brinkmann

Neu im Plattenladen: Mit „Soul Center III“ gelingt dem Musiker und Künstler Thomas Brinkmann eine eigenwillige Verbindung von Soul, Funk und Techno.

Tonträger

Zwischen den Stühlen: „In Our Gun“ von der Liverpooler Band Gomez

Rockmusik ohne Scheuklappen: Gomez

Auf ihrem Album „In Our Gun“ zeigen sich Gomez als virtuose Rockmusiker mit Mut zum Experiment und einer Schwäche für Ausflüge in die Elektronik.

Tonträger

Hintersinnig statt gefällig: Remixes von Matthew Herbert

Neu im Plattenladen: Der gefragte britische Produzent Matthew Herbert veröffentlicht eine Sammlung seiner jüngsten Remixes, „Secondhand Sounds“.