21. Februar 2005 Es war wohl nicht zu vermeiden, daß der Romanautor und Journalist, der sich immer wieder selbst mitten in die Explosionen seiner Geschichten hineinmanövrierte, auch bei seinem Tod ein entscheidendes Wort mitreden wollte. Hunter S. Thompson hat sich am Sonntag abend erschossen und damit bis zum letzten Atemzug die düstere, dreckige, nie weniger als schockierende und provozierende Erzählung, in der sein Leben und sein Werk gemeinsame Sache machten, weitergeschrieben.
Tod und Gewalt waren seine ständigen Begleiter, und als er vor einigen Jahren seine Assistentin mit einer Kugel verletzte, weil er einen Bären von seinem Grundstück bei Aspen, Colorado, vertreiben wollte, lasen sich Berichte davon wie ein Auszug aus einem seiner vergessenen Magazinartikel oder einem noch zu veröffentlichenden Roman. Thompson, so meinte es schon Richard Nixon zu wissen, repräsentierte die dunkle, bestechliche und unheilbar gewalttätige Seite des amerikanischen Charakters. Da sprach ein Fachmann, auch wenn er nicht unbedingt als Geistesverwandter zu bezeichnen wäre.
Schlaglicht auf die Schattenseiten Amerikas

1998 mit Johnny Depp (r.) und Benicio Del Toro bei der Premiere der Verfilmung von "Fear and Loathing in Las Vegas"
Nixons letzte Wahlkampagne dokumentierte ein gewisser, nicht eben rätselhafter Dr. Thompson auf seine sehr persönliche, sehr chaotische und mißgelaunte Weise in Fear and Loathing: On the Campaigne Trail '72, und wer glaubte, den Kern der überbordenden Protestsatire geknackt zu haben, durfte dem Kult um den gern drogenumnebelten Schreibberseker beitreten. Fear and Loathing, Angst und Schrecken jagte er aber auch mit seinen wüsten Albträumereien aus Las Vegas ein, mit Horrorszenarien, in denen er abermals die Schattenseiten des amerikanischen Projekts grell beleuchtete.
Hollywood brauchte zwar ein geschlagenes Vierteljahrhundert, um die Story auf die Leinwand zu bringen, aber dann sorgte immerhin Johnny Depp dafür, daß Fear and Loathing in Las Vegas nichts von seiner Aktualität verlor. Über den New Journalism, dem Thompson als Great Gonzo seine Pionierdienste zum Beispiel im einst avantgardistischen Rolling Stone zukommen ließ, wäre das kaum zu sagen.
Egotrip im Zeichen der Wut
Der fiktional getönte Journalismus, der gegen die von den traditionellen Reportern gepflegte Illusion der Objektivität anschreibt, gehört mit seinen Berichterstattern, die ihre Berichte vor allem um sich selbst kreisen lassen, derzeit nicht mehr zu den absoluten Rennern des Metiers. Daß sogar die New York Times kürzlich im Fälschungsfall Jayson Blair testen mußte, wo der New Journalism aufhört und die Lügengeschichte anfängt, hat dem Genre nicht eben Aufwind verliehen. Offenbar brauchte der Egotrip im Zeichen der Wut und einer raubaukenhaften, bärbeißigen Dekadenz die Aktualität der Hell's Angels und aller sonst gegenkulturell Ausgeflippten.
Thompson übte sich gleichwohl nicht in Schweigen. In seinem letzten Buch, einer Sammlung von Kolumnen, die er im vertrauten Anarchostil, also mit bewußtseinströmender Versalienlust für die Website des Sportsenders ESPN verfaßte, wütete er gegen Baseball und Nascar-Desperados ebenso wie gegen die Bush-Doktrin und die Verdummung Amerikas. Thompson, von seinem Sohn erschossen aufgefunden, wurde siebenundsechzig Jahre alt.
Text: F.A.Z., 22.02.2005, Nr. 44
Bildmaterial: AP