17. März 2005 Die Bilder liefen am gestrigen Mittwoch zur Mittagszeit ein. Es waren Fotos der Nachrichtenagenturen AP und Reuters, die über den Ticker gingen, und wer sie noch nicht in voller Größe sah, dem fiel zuerst einmal der strahlend blaue Himmel auf.
Der Frühling war angebrochen in Deutschland, doch die Fotos mit diesem Himmel waren von weit her gekommen, aus Pakdascht, einer iranischen Stadt südlich von Teheran, und sie enthielten, wie die Bildzeile warnte, Graphic Content, was man mit drastischem Inhalt übersetzen könnte. Betrachtete man die Bilder in voller Größe, erschloß sich schnell, was damit gemeint war.
Die Fotos dokumentierten die öffentliche Hinrichtung eines Mannes, den die iranischen Zeitungen den Vampir der Wüste von Teheran getauft hatten. Mohammed Bijeh hatte laut AP sechzehn Kinder getötet, laut Reuters siebzehn Kinder und drei Erwachsene; die meisten der Opfer, kleine Jungen, seien zuvor von Bijeh vergewaltigt worden und stammten aus illegalen Flüchtlingsfamilien aus Afghanistan, die den Weg in die Öffentlichkeit nicht wagten.
Männer in dunklen Anzügen
Vor seiner Hinrichtung wurde Mohammed Bijeh ausgepeitscht. Die Bilder zeigen, in der Mitte eines Platzes auf einem Podest stehend, einen Mann mit nacktem Oberkörper, dessen Hände an eine Stele gekettet sind, und einen zweiten Mann im hellen Oberhemd, der eine Peitsche schwingt; um sie herum stehen weitere Männer in dunklen Anzügen, deren Aufmerksamkeit freilich nicht der Züchtigung gilt, sondern der Menge, die das Spektakel verfolgt; selbst auf den Häusern, die sich weiß vor dem blauen Himmel abheben, sieht man die Konturen Schaulustiger.
Hundert Peitschenhiebe erhielt der Kindesmörder, dann folgte der schauderhafte Höhepunkt der Prozedur: Ein Seil, so blau wie der Himmel, wurde um Bijehs Hals gelegt und der Mann von einem Kran in die Höhe gezogen. Die letzten Fotos zeigen seine hoch über der Menge baumelnde Leiche, einen dunklen Schatten vorm grellen Gegenlicht der Sonne.
Besonderes Fingerspitzengefühl
Fotos mit Graphic Content führen fast immer in ein journalistisches Dilemma; sie verlangen ein besonderes Fingerspitzengefühl. Wieviel Grausamkeit darf der Redakteur seinen Lesern zumuten, wieviel muß er? Sollte man gerade die jüngeren Mediennutzer vor einem solchen Anblick schützen oder besteht sogar die Pflicht, diese Bilder zu zeigen? Macht man sich durch ihre Veröffentlichung zum Komplizen der Vollstrecker und der Voyeure, oder wäre es geradezu ein Akt von Zensur, die Fotos und damit die Geschichte zu unterdrücken? Oder schürte die Veröffentlichung womöglich gar Vorurteile gegenüber dem Islam?
In der Redaktion von FAZ.NET ist am Mittwoch über den Umgang mit den Bildern aus Iran diskutiert worden. Das Meinungsbild war gespalten. Dann wurde ein Foto ausgewählt, das den an die Säule geketteten Mohammed Bijeh und seinen Peiniger zeigt, und in die Rubrik Bilder des Tages gesetzt: Es sei, so ein Kollege, schlicht ein Dokument dessen, was an diesem Tag in einer Stadt in Iran passiert sei. Die Bildunterschrift gab in knappen Worten wieder, was auf dem Foto zu sehen war. Später am Abend beschwerte sich ein Leser über das Bild und die fehlende journalistische Einordnung; ein zweiter Kollege, der das Motiv zu extrem fand, entfernte schließlich das Foto.
Der rituelle Messerstich
Zwei der Zeitungen vom Donnerstag haben das Thema aufgegriffen und die Fotos veröffentlicht. Die eine ist, erwartungsgemäß, die Bild-Zeitung. Sie druckt drei Fotos ab, eines von der Auspeitschung, eines von Bijeh am Galgen und ein drittes, das laut Bild zeigt, wie der Bruder eines Mordopfers Bijeh ein Messer in der Rücken rammt. Dies ist tatsächlich geschehen: Ein AP-Foto zeigt, wie Sicherheitskräfte einen - allerdings anders gekleideten - Mann abführen, nachdem er Bijeh mit dem Messer attackiert habe. AP schreibt, der Mann habe die Sicherheitsabsperrung durchbrochen, Bild hingegen macht den Messerstich zum Teil der rituellen Hinrichtung; der Mann mit Anzug und Sonnenbrille, den Bild als Bruder des Mordopfers bezeichnet, gehört ganz offensichtlich zu den Sicherheitskräften. Ein Messer ist auf dem Bild-Foto nicht zu sehen.
Grausamer Iran!, überschreibt Bild seine Geschichte, die sich freilich an den Details des Falles ausführlich weidet: Seine Opfer lockte er in die Stadt, bevor er sie vergewaltigte und ihnen mit Steinen den Schädel einschlug! Außer Bild griff nur noch die Süddeutsche Zeitung Mohammed Bijehs Schicksal auf. Unter der Überschrift Iran, 16. März 2003 zeigt sie auf ihrer Titelseite drei Fotos - Auspeitschung, Schaulustige und Bijeh am Galgen - mit einer knappen, sachlichen Bildunterschrift, ebenso wie es am Vortag FAZ.NET getan hatte.
Keine Stellungnahme gegen den Islam
Die Süddeutsche wird für ihre Entscheidung wohl etliche Leserbriefe erhalten, ein Gutteil davon dürfte ablehnend sein. Doch die Fotos, die durch das strahlend schöne Wetter besonders öbszön und abstoßend wirkend, zeigen eine Realität, mit der man sich auseinandersetzen sollte. Und wenn man diese Bilder veröffentlicht, bezieht man nicht Stellung gegen den Islam, sondern - ganz unabhängig von religiösen Aspekten - gegen eine rohe und mitleidlose Gesellschaft, die archaischer Brutalität frönt und sich zugleich westlich kleidet: Die Voyeure sind keine langbärtigen Mullahs, sondern Männer mit Lederjacken und Turnschuhen. Ganz vorne stehen die Kinder.
5000 Menschen, schreibt AP, hätten der Hinrichtung Bijehs zugeschaut. Todesurteile würden im Land dann öffentlich vollstreckt, wenn ein Fall nach Auffassung des Gerichts die Öffentlichkeit besonders bewegt. Es folgt der Hinweis: Iranische Reformer kritisieren, daß öffentliche Hinrichtungen dem Bild des Irans im Ausland schaden. Diesen einen Satz sollte man vielleicht hinzufügen, um das Geschehen, das die Bilder beleuchten, journalistisch einordnen zu können.
Text: @jöt
Bildmaterial: AP, FAZ.NET
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