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Habermas im digitalen Jazzkeller: Andrew Peklers neue CD

Von Aram Lintzel

Hörprobe: "Manchild" von Andrew Pekler

29. April 2002 Bisher veröffentlichte Andrew Pekler unter den Pseudonymen Sad Rockets und Bergheim 34, nun tritt der kürzlich von Heidelberg nach Berlin umgezogene Kalifornier das erste Mal unter seinem richtigen Namen in Erscheinung.

Der CD-Titel „Station to Station“ verweist auf die Dynamik seines digitalen Jazz: Nie bleibt sich ein Stück gleich, immer wieder wechselt Pekler Positionen und Stationen. Diskontinuierliche Bewegungen, Brüche und Abwege bestimmen die gemächliche Dynamik der acht Stücke - denn Pekler liebt es, vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen.

Falsche Versprechungen

Andrew Pekler: “Station To Station“ (Cover)

Andrew Pekler: "Station To Station" (Cover)

Der Anfang führt geradewegs in die Irre: Ein langsam anschwellender Groove verheißt Partylaune nach dem -Muster. Doch hält Pekler sein Versprechen nicht, er zerlegt den zunächst zupackenden Sound alsbald in seine Bestandteile. Man hört kleinteilige Percussionelemente, abstrakt animiertes Handclapping, komisches Geblubber und scheinbar richtungslos mäandernde Piano-, Vibrafon- und Saxofonpassagen. Überwölbt wird all dies von immer wieder aufklingenden Dubeffekten, die den Stücken einen schleichenden Tranceeffekt verleihen. Der hallende steht hier für den Modus der Wiederholung und konterkariert die vielen improvisierten Stellen in aufreizender Weise.

Herrschaftsfreie Musik

Die frei fließende Kommunikation zwischen einzelnen Instrumenten ist seit jeher ein wichtiges Element des Jazz. Auch Pekler versucht an seiner digitalen Produktionsstätte Habermas' „herrschaftsfreien Diskurs“ mit musikalischen Mitteln umzusetzen. Die einzelnen Sounds scheinen sich in eigenständige Personen zu verwandeln, die ohne hemmende Hierarchien miteinander plaudern, ja mitunter flirten. Massives und Minimales, Pompöses und Popeliges existieren gleichberechtigt nebeneinander.

Bestes Beispiel ist das Stück „Steam“: Monumental, fast schon wagnerianisch anmutende Bläsersätze stoßen hier auf schüchtern fiepsende Elektronikeffekte - jedoch ohne diese beiseite zu drängen. Aus diesem demokratischen Flirt der Sounds entsteht jene faszinierend paradoxe Mischung aus Freiheit und Ordnung, wie man sie aus den besten Momenten des Free Jazz kennt. Der an „Station to Station“ beteiligte Saxofonist Elliott Levin - er spielte einst in der Bigband des legendären Freejazzers Cecil Taylor - und der japanische Kontrabassist Akira Ando prägen diesen Eindruck entscheidend mit.

Digitaler Sounddreck

Vorbilder dieses geregelten Chaos' sind legendäre Jazzheroen wie Miles Davis, Herbie Hancock und Sun Ra. Jedoch belassen es Pekler und seine Gefährten nicht bei der bloßen Mimesis des Vergangenen. Sie verschmutzen die historischen Vorlagen durch allerlei digitale Restgeräusche. Der Sounddreck scheint aus unbekannten Zonen des Cyberspace zu stammen. Eigenartig verzerrt, oft sogar psychedelisch verfremdet muten Peklers Jazzklänge an.

Am Schluss der CD steht die geheimnisvolle Selbstauslöschung: Im letzten Song mit Titel: „First Snow, Last Year“ verschwinden die Klänge langsam in den endlosen Weiten des Datenraums. Alles ist zerronnen. Zum Glück hat man als Hörer die Möglichkeit, zur Ausgangsstation zurück zu skippen.

„Station to Station“ von Andrew Pekler ist auf ~scape erschienen.



Text: @aram
Bildmaterial: ~scape

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