02. Dezember 2002 Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wird an diesem Dienstag zum letzten Mal in seiner Solo-Sendung im ZDF auftreten.
Der 82-jährige Literaturpapst wolle sich auf seine Buchprojekte und andere publizistische Aktivitäten konzentrieren, teilte der Mainzer Sender am Montag mit. Ich bin nicht fernsehmüde, ich habe nur sehr viel Arbeit, sagte Marcel Reich-Ranicki selbst. Reich-Ranicki hatte seine Solo-Sendung im Februar dieses Jahres nach dem Ende des Literarischen Quartetts gestartet. Die Büchersendung war Ende 2001 nach 13 Jahren eingestellt worden.
Reich-Ranicki habe sich bereit erklärt, auch in Zukunft mit dem ZDF über neue literarische Programmakzente nachzudenken, erklärte der ZDF-Intendant Markus Schächter. Der Sender feilt derzeit an einem Konzept für eine neue Literatur-Sendereihe mit dem 82-Jährigen. Sie startet möglicherweise schon im April 2003.
Wie die neue Reihe genau aussehen soll, stehe noch nicht fest. Auf keinen Fall wird es etwas sein, was auch nur im Entferntesten an das 'Quartett' erinnert, verriet der Kritiker. Ich habe aber keine Zeit, ein Konzept zu entwerfen. Ich warte ab, bis mir das ZDF einen konkreten Vorschlag macht. Dann wolle er entscheiden, ob er wieder vor die Kamera gehe.
Anders als das monatliche Solo, in dem der ebenso eloquente wie polemische Reich-Ranicki vor der Kamera frei über die Welt der Bücher und der Kultur plauderte, giftete und dozierte, soll die neue Sendung wahrscheinlich nur noch alle zwei Monate laufen. Alle vier Wochen fünf aktuelle Themen haben, über die zu reden lohnt, ist gar nicht leicht in einer Epoche, wo das literarische Leben nicht so fabelhaft ist, begründete Reich-Ranicki seine Entscheidung für das Solo- Ende. Seit Start der Sendung Anfang Februar sahen im Schnitt rund 700.000 Zuschauer die acht Ausgaben, das war ein Marktanteil von knapp über vier Prozent.
Die Einschaltquoten waren nach Angaben eines ZDF-Sprechers nicht ausschlaggebend für das Aus. Die seien für ein Minderheitenprogramm am späten Dienstagabend wie eine Literatursendung durchaus respektabel gewesen.
Schon beim Ende des Quartetts, das vor einem Jahr eingestellt wurde, war der viel beschäftigte Kritiker, Buchautor und Publizist nach eigenen Worten erleichtert und glücklich, etwas Neues machen zu können. Ich hatte es satt, eine Sendung zu machen, für die ich jedes Mal 40, 50 Bücher lesen musste, von denen die meisten nichts taugten. Nun, mit 82, sei er schließlich auch nicht mehr der Jüngste.
Der von ihm herausgegebene Literaturkanon sei eine unendlich große Arbeit, die noch mindestens zwei Jahre benötigen werde.
Dessen zweiter Teil mit den wichtigsten Dramen ist für nächsten Herbst geplant. Im Frühjahr erscheint Meine Gedichte, ein Band mit seinen Lieblingsgedichten. Ebenfalls im nächsten Herbst folgt das Buch Meine Geschichten. Außerdem ist der langjährige F.A.Z.-Redakteur für die Frankfurter Anthologie verantwortlich, eine F.A.Z.-Reihe mit Gedicht-Rezensionen, sowie für die Reihe Meine Bilder, die wöchentlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gedruckt wird. Dazu sei im Juni eine Ausstellung im Buddenbrook-Haus in Lübeck geplant.
In seiner letzten Solo-Sendung geht Reich-Ranicki mit sich und seinen Kollegen noch einmal ins Gericht. Er hat polemische Anmerkungen über das Wesen und Unwesen der literarischen Kritik angekündigt. Außerdem beschäftigt er sich ausführlich mit dem Dichter, Satiriker und Zeichner Robert Gernhardt, der am 13. Dezember 65. Geburtstag feiert. Reich-Ranicki wird am 17. Dezember mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
Text: AP/dpa
Bildmaterial: AP
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