Koffein

Herr Schröder-Lüdenscheidt und Dr. Stoiber

KOFFEIN - der tägliche Blick in die Medien

KOFFEIN - der tägliche Blick in die Medien

14. August 2002 Bad eines Hotelappartements. In der Badewanne sitzen sich zwei nackte Herren reiferen Alters gegenüber.

Müller-Lüdenscheidt: Die Ente bleibt draußen...

Dr. Klöbner: Herr Müller-Lüdenscheidt...

Müller-Lüdenscheidt: ...die Ente bleibt draußen...

Dr. Klöbner: (springt auf) Herr Müller-Lüdenscheidt, ich bade immer mit dieser Ente... (setzt sich)

Müller-Lüdenscheidt: Nicht mit mir!

Dr. Klöbner: Ich kenne Sie ja erst seit heute...

Müller-Lüdenscheidt: Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser heraus!

Wasser oder Ente, er oder ich: Kompromisse gibt es nicht, wenn zwei Männer sich um einen Platz streiten. Ob es, wie einst bei Loriot, ein Platz in der Badewanne ist oder einer im Kanzleramt: Stets geht es um Demonstrationen der Macht. Um Positionskämpfe.

Stoiber: Dass er beliebter ist als ich, respektiere ich. Nur, ich will ja nicht Nachfolger von Günther Jauch werden.

Schröder: Sie sollten damit nicht so oberflächlich umgehen, wie Sie das tun. Herr Stoiber, Sie unterstellen ja damit, dass die Wählerinnen oder Wähler nach anderen als nach politischen Motiven entscheiden.

Stoiber: Nein, das tue ich nicht.

Schröder: Natürlich. Wenn Sie sagen, der wird gewählt, weil er beliebt ist...

Stoiber: Habe ich doch nicht.

Schröder: Klar haben Sie das unterstellt.

Stoiber: Nein, das haben Sie missverstanden. Ich sagte, der Wähler wählt die Kompetenz.

Schröder: Dann stellen Sie das richtig und unterstellen den Wählerinnen und Wählern nicht, dass sie sich keine Vorstellung von der Frage machen, wenn sie pro oder kontra eine Person votieren, was der an Führungskraft aufbringt. Das ist das, wonach gemessen wird. Ich finde, Ihr Versuch, sozusagen den Wählern zu unterstellen, dass sie oberflächliche Motive bei ihrer personalen Wahlentscheidung zum Ausdruck brächten, das ist eine Beleidigung.

Stoiber: Das stimmt doch nicht.

Bitte schön: Die Printmedien wollten auch ein Duell, und nun haben sie's. Richtig schöne Schaukämpfe wie im Fernsehen, nur dass es viel weniger aufs Bild ankommt und mehr aufs - gesprochene - Wort. Erst bei „Bild“ und „BamS“, dann bei „SZ“ und „Welt“. In letzteren beiden Blättern findet sich an diesem Mittwoch der zweite und abschließende Teil des zum „Streitgespräch“ („SZ“) beziehungsweise „Schlag-Abtausch“ („Welt“) erklärten „Print-Duells“. Ein ganz neues Genre im deutschen Journalismus, bei dem es, wie erhofft, allein auf das ankommt, was gesagt wird.

Schröder: Wer sagt das?

Stoiber: Ja. Es ist ja immer so unterschwellig von Ihnen gesagt worden.

Schröder: Von mir?

Stoiber: Ja, natürlich.

Haben die Zeitungen das gewollt? Schon während des Gesprächs und spätestens bei der Lektüre des Manuskripts muss es den Redakteuren gedämmert haben, was sie hier angerichtet haben. Die in beiden Zeitungen das Gespräch flankierenden Print-Duell-Reportagen - noch so ein neues Genre - scheinen fast mit schlechtem Gewissen, auf jeden Fall mit verblüffender Ehrlichkeit verfasst: „Das Gespräch plätschert jetzt“ (Johann Michael Möller in der „Welt“); es „tröpfelten die Minuten an denen, die gerade nicht redeten, vorbei“ (Kurt Kister in der „Süddeutschen“). Das geistige Auge des Lesers aber sieht, wiederum: eine Badewanne.

Dr. Klöbner: Wissen Sie eigentlich, dass viele Menschen überhaupt kein Bad besitzen?

Müller-Lüdenscheidt: Ach, Sozi sind Sie wohl auch noch!

Die politische Herkunft aber zählt wenig, wenn die Kontrahenten nur das eine wollen: eine Wanne mit warmem Wasser für sich alleine. Wie man dieses Ziel erreicht, ist einerlei, und nur einer der Moderatoren wundert sich über Stoibers Menschenbild, das er „sehr sozialdemokratisch“ findet. Während der Sozialdemokrat Schröder auf sein Unternehmertum pocht.

Schröder: Ich war nicht Oberregierungsrat wie Sie, sondern selbständiger Anwalt, Privatunternehmer.

Stoiber: Ich im übrigen auch.

Schröder: Was denn, zu Hause?

Stoiber: Nein. Ich war als Rechtsanwalt zugelassen.

Schröder: Aha. Ich musste eine eigene Kanzlei aufbauen.

Müller-Lüdenscheidt: (springt auf) Herr Doktor Klöbner, ich leite eines der bedeutendsten Unternehmen der Schwerindustrie und bin Ihnen in meiner Badewanne keine Rechenschaft schuldig...!

Mein Haus, mein Auto, meine Kanzlei, meine Wanne: alles wie gehabt, genauer wie von Loriot schon in den 70ern beschrieben. Dessen zwei Herren im Bad werden in ihrem Wettstreit, wer länger den Kopf ins Wasser tauchen kann, von einem dritten unterbrochen, der sich fälschlicherweise in Zimmer 107 wähnt. Guido Westerwelle aber war zum Print-Duell nicht eingeladen, und mit ihm wäre das Ganze wohl auch nicht anders geworden. Man sieht sich dann wieder im Fernsehen. Vom Print-Duell aber lässt sich ein klares Fazit ziehen.

Schröder: Oh, oh, oh.

Stoiber: Nein: Ha, ha, ha.

Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

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