12. März 2004 Von den Bombenexplosionen, den Toten und Verletzten, der Angst von Madrid ist in den Zeitungen zu lesen. Javier Marías schreibt über das Schweigen und das Lachen.
Wieder ein Mittag der Stille in Madrid titelt die New York Times einen Text des spanischen Schriftstellers. Wer auch immer die Anschläge verübte, er habe sich an den üblichen Zeitplan gehalten, setzt Marías an. Er selbst, versunken in sein Schreiben, merke meist erst an der Stille, daß wieder etwas passiert ist.
Aufgeschreckt durch die Stille
Als Antwort auf diese morgendlichen Anschläge träten mittags in Spanien die Kommunalbediensteten vor ihre Ämter und würden dort, bei Hitze, Kälte, Regen, für ein oder zwei Minuten der Stille stehen. Jeder, der in der Nähe ist, schließt sich ihnen an, zu diesem eindrucksvollen Schweigen der Trauer und der Verurteilung. Als den Schriftsteller gestern ein solches Schweigen aufschreckte und er auf seinen Balkon trat, von dem aus er das Ayuntamiento, Madrids Rathaus, sehen kann, standen in der Stille des Platzes alle Angeordneten des Stadtrats, und mit ihnen so viele Menschen wie sonst nie.
Auch wenn Eta nicht verantwortlich ist für die gestrigen Bomben, erinnert der Anschlag daran, daß Spanien von einer Diktatur in eine andere geraten ist, schreibt Javier Marías. Offenbar vermisse Eta die Franco-Ära. Damals habe sich die Organisation zumindest den Anschein einer Widerstandsgruppe geben können. Heute gebe es hingegen keinen Untertschied mehr zwischen Eta und der Mafia.
Mit Champagner und Gelächter
Der Schriftsteller erinnert sich, wie man vor Jahren aus einem Bekennerschreiben erfuhr, daß Eta-Mitglieder nach einem Anschlag ihren Erfolg mit einem Fest, mit Champagner und Gelächter gefeiert hätten. Es gebe keinen Grund zu glauben, daß die Täter und ihre Auftraggeber nicht auch nach dem gestrigen Massaker auf gleiche Art feiern würden: Zum Totlachen: die Leute weinen sehen, sehen, wie sie auseinandergerissen worden sind, wie ihre Körper explodierten oder unter Massen verbogenen Metalls zerquetscht worden sind, wie sie aus dem Zug geworfen werden, fliegen, wie Flammen sie verschlingen, wie sie weiter sterben in den Krankenhäusern, einer nach dem anderen. Sie waren auf dem Weg zur Schule, ins Büro, in die Fabrik. Und jetzt seht sie euch an: zum Totlachen.
Die Zeit würde allen terroristischen Vereinigungen beenden, schreibt der Spanier, sie lösen sich auf oder verblassen. Oft stünde eine Amnestie an ihrem Ende. Auch im Fall Eta sei damit zu rechnen. Ich bin sicher, die Bürger Spaniens werden einer solchen Amnestie zustimmen und einsehen, daß sie eine gute Sache ist, wenn auch mit Widerwillen, schließt Javier Mariás seinen Beitrag. Aber nicht in unserem tiefsten Herzen, nicht in unserer Erinnerung oder unserem Bewußtsein. An diesem Ort, der weder staatsbürgerlich ist noch politisch, an diesem persönlichen, intimen Ort werden wir ihnen nie verzeihen.
Text: @kue
Bildmaterial: FAZ.NET
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