Von Aram Lintzel
21. Januar 2002 Das Cover von "Ladies & Gentleman" lässt eine abgeschmackte Nostalgie-Tour befürchten: Man sieht zwei Paar altertümlich-glamourös gekleidete Beine (ein Paar männliche, das andere weiblich), die sich bei einer Tanzstunde anzunähern scheinen. Swing-Revival, Easy Listening aber auch der feucht-fröhliche Bubblegum-Pop der sechziger Jahre schießen einem als Referenzen durch den Kopf.
Doch weit gefehlt: Zwar ist "Ladies & Gentleman" schon auch ein sentimentaler Kommentar zu längst verflossenen Momenten der Pop- und Rockgeschichte. Dennoch klingt das Album betörend zeitgenössisch und up-to-date.
Musik des Als-Ob
Taylor Savvy jongliert mit allen Klischees, die Pop und Rock bereit stellen. Virtuos, manchmal bis an die Grenze der Peinlichkeit, spielt er das Register u-musikalischer Sprach- und Ausdrucksregeln durch: Sei es die pathetische Anbetung einer Geliebten ("I Wanna Be Your Man"), die verträumte Suche nach Erfüllung ("Trying To Find My Baby"), das Rausschreien der innersten Befindlichkeiten ("Indonesia"), die impertinent vorgetragene Aufforderung an ein anonymes Kollektiv, sich doch zu amüsieren ("Everybody Party") oder die narzistisch-närrische Angeberpose des Entertainers ("The Savvy Show").
Doch ähnlich wie bei den legendären Roxy Music haftet Savvys Ausdruck stets etwas Uneigentliches und Künstliches an. Es geht hier nicht um die authentische Wiederbelebung eines Vergangenen, sondern um dessen zeitgemäße Aneignung und Verfremdung.
Wenn die Gitarre mit der Computermaus
So vermengt Taylor Savvy die historischen Codes frech mit gängigen Gegenwartsstilen: Von HipHop bis House, von Drum'n'Bass bis TripHop, von Techno bis Britpop kommt hier zusammen, was (angeblich) nicht zusammengehört.
Für Veröffentlichungen des angesehenen Berliner Klein-Labels "Kitty-yo" sind solche Grenzüberschreitungen jedoch durchaus typisch. Die meisten der dort vertretenen Künstler und Bands bewegen sich im Grenzbereich zwischen Analog und Digital, Gitarre und Computermaus. Ein namhaftes Beispiel der letzten Zeit ist die Hamburger Band Kante.
Ironie & Verzweiflung
Der einladende CD-Titel ist also kein leeres Versprechen; tatsächlich handelt es sich bei "Ladies & Gentleman" um eine Art musikalische Revue oder genauer: um ein burleskes Klang-Spektakel, das nicht nur Eingeweihte vergnügen dürfte. Doch bei aller Freude am Spaß: Zwischen den Tönen und Zeilen der sechzehn Stücke scheint stets die Tragik der Unmöglichkeit absoluter Ernsthaftigkeit, ja das Leiden am gesellschaftlichen Zwang zur Ironie auf.
Jedoch kommuniziert Taylor Savvy diese Ahnung nicht verbal, sondern mit subtilen klanglichen Mitteln: Düster, oft sentimental dröhnen die Bässe, traurige Melodien fräsen sich hinterlistig ins (Unter-)Bewusstsein des Hörers, und schmachtende Streicherpassagen verweisen auf emotionale Abgründe. So fröhlich diese CD von Außen ausschaut und so plakativ sie über weite Strecken groovt und schwingt - ganz tief in ihr drin macht sich eine unverhohlene Trauer bemerkbar. Allerdings muss man schon genau hinhören, um diese feinen Spuren der Verzweiflung aufzuspüren.
"Ladies & Gentleman" von Taylor Savvy erscheint auf Kitty-Yo / EFA.
Text: @aram
Bildmaterial: kitty yo, Kitty-Yo
Was Kurt Beck mit George Washington verbindet
F.A.Z. Lesesaal: Wie amerikanisch sind die Deutschen?
Liebesherbst, Profikiller, Wahl-BerlinerDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |