Wellenreiter

Wo der Adel mit dem Pöbel pöbelt

Von Jörg Thomann

24. Januar 2005 Die Burg Rappottenstein thront auf einem Felskegel im nordwestlichen Waldviertel in Österreich: eine massive Festung, die schon etliche Belagerungen überstanden hat, unter anderem durch aufständische Bauern und Angreifer aus Schweden. Für Hochzeiten, Seminare und Betriebsfeiern kann die Burg gemietet werden; ein Doppelzimmer im Burgstöckl kostet 125 Euro, in der Hochburg nur 55 Euro. Bei Veranstaltungen wird die Reinigung gesondert in Rechnung gestellt.

Zu rechnen ist indes mit einem rapiden Preisverfall. Leute mit einem Faible fürs Besondere werden sich künftig Rappottenstein gewiß nicht mehr als Reiseziel aussuchen, und die, die an ihrer Statt kommen, werden soviel kaum bezahlen wollen. Am Sonntag abend nämlich hat für die Burg das düsterste Kapitel in ihrer 850 Jahre währenden Geschichte begonnen. Der Schaden, den die für zwei Wochen hier hausenden Eindringlinge hinterlassen werden, wird so schnell nicht zu beheben sein.

Boulevardnotorische Gestalten

Aus der einst stolzen Burg ist der Schauplatz des „verrückten Winter-Live-Events“ von Pro Sieben geworden: „Die Burg“, eine Art „Dschungelcamp“ in Festungsmauern. Alles an dieser Sendung, außer der Burg selbst, ist im Fernsehen längst dagewesen: Ein paar boulevardnotorische Gestalten unter extremen Bedingungen zusammenzupferchen, kennt man aus dem RTL-Dschungel und von Pro Siebens „Alm“, die Wettkämpfe und die künstlichen Klassenschranken aus „Big Brother“, und selbst die Teilnehmer werden aus früheren Shows wiederverwertet.

Das Fernsehen ermöglicht heute Karrieren, bei denen man sich über Jahre hinweg und ohne größere Pausen im Lebenslauf von Reality-Show zu Reality-Show hangelt. Wie selbstverständlich zieht eine „Popstars“-Gesangstrainerin in die Burg ein und mit Alex Jolig ein Bewohner der ersten „Big Brother“-Staffel, der auch ganz nüchtern erklärt, er habe hier „meinen Job zu tun“. Die weniger Erfahrenen begründen ihre Teilnahme noch mit der Hoffnung auf ein „Riesenabenteuer“. Das Soap-Sternchen Andrea Suwa hingegen sagt: „Mit dem Mittelalter verbinde ich Krankheiten, Seuchen.“ Das trifft es, angesichts der ersten „Burg“-Folge, wohl am besten.

Die Erfahrung einer Schulterprellung

Mit einer Schulterprellung beendet der einstige Boygroup-Sänger Karim das erste „Duell“ mit Jolig, bei dem beide in Ritterrüstung blindwütig aufeinander eindreschen. Anschließend erklärt er, die Prügelei sei „unglaublich erfahrungsreich“ gewesen. Frederic Prinz von Anhalt, der sich seinen Adelstitel einst durch Adoption erkaufte, spielt ganz routiniert die Rolle, für die er bezahlt wird: Als Ekel brüskiert er die anderen Teilnehmer („Ich hab' das Gefühl, die Tiere sind sauberer wie du“) und wiegt die Zuschauer, die ihn per Telefonvoting zum Rattenfangen verdonnern, in dem Glauben, einen revolutionären Akt zu vollziehen.

Dabei ist die von Pro Sieben vollzogene Aufteilung der Kandidaten in „Adel“ und „Pöbel“ bloße Behauptung: Standesgrenzen gibt es hier nicht, wie schon die in beiden Lagern inflationär eingesetzten Vulgärwörter zeigen. Wer an Sendungen wie der „Burg“ teilnimmt, der gehört, ganz unabhängig von Besitz oder Bildung, zur Masse des Medienproletariats, dem unverzichtbaren Humankapital des „Unterschichtfernsehens“ (Harald Schmidt) - von der als blondes Dummchen vorgeführten Sachsenprinzessin („Im Mittelalter gab's ja noch keine Kaufhäuser und so“) bis zum Schlagersonderling Christian Anders.

Billigstkopien als Moderatoren

Dazu zählt auch das Moderatorenduo Sonya Kraus und „Elton“, in jeder Hinsicht Billigstkopien der „Dschungelcamper“ Sonja Zietlow und Dirk Bach. Elton versucht so zu tun, als würde er sich über jeden seiner schlechten Scherze köstlich amüsieren, was ihm mangels Schauspieltalent nicht gelingt, während Sonya Kraus schon daran scheitert, die Namen der Burgbewohner korrekt und in der richtigen Reihenfolge vom Kärtchen abzulesen. Beider Leistungen bringen jeden Zuschauer ins Grübeln, ob es nicht doch noch etwas werden könnte mit der eigenen Fernsehkarriere.

Einen großen Gewinner dieser gänzlich uninspierten und gähnend langweiligen Burgfestspiele gibt es aber: den deutschen Bundeskanzler. Daß sein Halbbruder Lothar Vosseler, den Pro Sieben schon fest auf der Teilnehmerliste wähnte, es sich (aufgrund kluger Berater?) in letzter Sekunde anders überlegte, könnte sich für Schröder als Pfund erweisen, das kein Reformerfolg aufwiegen würde.



Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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