25. März 2003 Die amerikanischen und britischen Bombenangriffe auf den Irak können nach Einschätzung der UNESCO auch kulturhistorische Stätten im Zweistromland in Mitleidenschaft ziehen.
Der heutige Irak gilt als Wiege der modernen Zivilisation, erklärt Mounir Bouchenaki, Vizegeneraldirektor für Kultur der UNESCO in Paris, und fügt hinzu: Im fünften Jahrtausend vor Christus entstanden im Land zwischen Euphrat und Tigris erste Siedlungen. Und auch die ersten bekannten Gesetzestexte stammen aus Mesopotamien.
Nach dem Krieg: Wiederaufbau der Kulturgüter
Angesichts der intensiven Bombenabwürfe versucht die UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur die öffentliche Aufmerksamkeit auf die einzigartigen Kulturschätze im Land zu lenken. Diese Stätten sollten unbedingt geschützt werden, sagt Bouchenaki. Der Generaldirektor der UNESCO, Koichiro Matsuura, hat bereits zugesichert, nach dem Krieg alle Kräfte für den Wiederaufbau beschädigter Kulturgüter zu mobilisieren.
Im Norden von Bagdad liegen die Stadt Samarra mit dem berühmten Spiralminarett und das sagenumwobene Ninive mit seinen Palastbauten, im Süden die Garnisonsstadt Wasit und die sumerische Königsstadt Ur, der biblischen Überlieferung zufolge der Geburtsort Abrahams. In der Region befindet sich auch die ehemalige Königs- und Hauptstadt Babylon. Vom legendären Turm zu Babel ist nur noch das Fundament erhalten und das zweite Weltwunder der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, sind gänzlich verschwunden.
Kunst aus 15 Jahrhunderten im Nationalmuseum
Die irakische Regierung hat jedoch den Palast des neubabylonischen Königs Nebukadnezar (605-562 v.Chr.) mit großem Aufwand wieder aufgebaut. Die Bombardierungen bedrohen besonders die Gebäude in Bagdad. Selbst wenn die Bomben nicht die Bauten direkt treffen, können die Druckwellen verheerende Auswirkungen haben, sagt Bouchenaki. Das Nationalmuseum in der Hauptstadt beherbergt Kunstobjekte aus 15 Jahrhunderten.
Die UNESCO, die für den Schutz des Weltkulturerbes kämpft, arbeitet in erster Linie präventiv und finanziert Restaurierungen. Wir haben während der diplomatischen Krisenzeit die UN informiert, sagt Bouchenaki. Matsuura habe in einem Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan auf die gefährdeten Schätze hingewiesen. Den USA liegt eine Liste mit den Stätten vor und man hat uns versichert, die Soldaten zu instruieren, betont Bouchenaki.
Unmengen von Kunstobjekten gestohlen
Ein anderes großes Problem sind die Plünderungen. Im Golfkrieg 1991 wurden Unmengen von Kunstobjekten aus regionalen Museen gestohlen, sagt der Kulturbeauftragte. Auch hier kann die UNESCO nur Hilfe am Rande leisten: Wir haben den internationalen Museumsrat, Interpol und Kunsthändler um Mithilfe im Kampf gegen den Handel mit gestohlenem Kulturerbe gebeten.
Bouchenaki bedauert, dass es nur einen irakischen Eintrag in der UNESCO-Liste für Weltkulturerbe gibt: die Partherstadt Hatra im Nordwesten des Landes. Erst zwei Mal hat das irakische Kulturministerium die notwendigen Anträge gestellt. 1985 für Hatra und 2000, als sieben neue Vorschläge eingereicht wurden. Dazu gehören Ur, das Wüstenschloss Ukhaidhir und Ninive. Vor kurzem kam die Bitte, Assur per Eilverfahren einzutragen, da der Bau eines Staudammes die Stadt am Tigris bedroht, sagt Bouchenaki. Assur war die erste Hauptstadt der Assyrer, die seit dem zweiten Jahrtausend vor Christus befestigt ist, und wo heute ein Tempel der babylonischen Liebesgöttin Ischtar steht. Über den Antrag will die UNESCO noch in diesem Jahr entscheiden.
Text: dpa
Bildmaterial: dpa
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