Fernsehen

Formsache: Die ARD, Schmidt und Maischberger

Von Michael Hanfeld

Mehr Harald Schmidt...

Mehr Harald Schmidt...

13. April 2005 In der ARD gibt es hinter den Kulissen ein Hin und Her um die abendlichen Talkshows, das sich in ostentativen Interviewäußerungen inzwischen auch deutlich nach außen hin niederschlägt. Es riecht nach Krach, Muskelspiel und Showdown, wo nach Darstellung der Beteiligten doch nur eitel Sonnenschein herrscht. Dabei geht es um die Frage, ob es im Ersten künftig mehr Harald Schmidt gibt und deshalb vielleicht weniger - Sandra Maischberger.

Angefangen hat es mit Günter Struve, dem Direktor des Ersten Programms, der in den letzten Wochen ab und an wie beiläufig die Ansicht kundtat, daß Harald Schmidt der ARD mit einer dritten Show pro Woche sehr gut und der Entertainer dies wohl auch für nur einen symbolischen Betrag mehr täte. Struve zielt damit auf einen dritten Showtermin Schmidts am Dienstagabend, an dem jedoch bereits die Talkshow von Sandra Maischberger gesendet wird, deren Vertrag mit dem WDR im Juni 2006 ausläuft. Eine Verlängerung ist von der Stimmung innerhalb der ARD und - vor allem - vom Publikumszuspruch abhängig.

Probleme mit dem Publikum

...und weniger Maischberger?

...und weniger Maischberger?

Und genau mit dem hat Sandra Maischberger ihre Probleme. Im Jahr 2004 lag sie bei einem durchschnittlichen Marktanteil von 9,6 Prozent knapp unter der Marke von zehn Prozent, die als Vorgabe in ihrem Vertrag festgeschrieben steht. Bei einzelnen Sendungen rutschte sie jedoch auch schon mal auf unter sechs Prozent ab. In diesem Jahr hat sich die Lage etwas gebessert, was der WDR am Mittwoch in einer Pressemitteilung eigens festhielt: Die letzte Sendung „Menschen bei Maischberger“, in der Heide Simonis zu Gast war, heißt es dort, habe 1,8 Millionen Zuschauer gehabt. Das entspreche einem Marktanteil von vierzehn Prozent. Der durchschnittliche Marktanteil für 2005 liege zur Zeit bei 10,1 Prozent mit 1,36 Millionen Zuschauern, „seit Mitte März 2005 mit steigender Tendenz“.

Der Moment für eine solche Mitteilung scheint also günstig gewählt. Die Zehn-Prozent-Marke, die Maischberger lange nicht erreichte, steht nicht nur in ihrem Vertrag, sie gilt in der ARD allgemein als Schallmauer, die man durchbrechen muß, soll eine Talkshow fortbestehen. Die Sendung mit Gabi Bauer war 2003 unter anderem mit dem Hinweis auf die Quote von weniger als zehn Prozent zu Ende gegangen.

„Sie hat ihre Form gefunden“

Der Fernsehdirektor des WDR, Ulrich Deppendorf, wertet die jüngsten Maischberger-Quoten als deutliches Zeichen. „Sandra Maischberger hat ihre Form gefunden“, sagte er: „ Die Zuschauer entdecken ihre Sendung mehr und mehr, sie hat sich zu einer richtigen Alternative in der Talkshow-Welt entwickelt. Wir sind sehr zufrieden und würden uns über eine weitere langfristige Zusammenarbeit mit Frau Maischberger freuen.“

Auf Anfrage sagte Deppendorf auch, daß es den vermuteten Gegensatz zwischen seiner Haltung und der des ARD-Programmdirektors Struve gar nicht gebe: „Wir sind beide der Ansicht, mit Frau Maischberger weiterzumachen. Ich kann mir gut eine gemeinsame Lösung vorstellen.“ Was Günter Struve auf Anfrage bestätigt, es gebe keinen Dissens: „Mehr Harald Schmidt im Ersten darf nicht und wird nicht auf Kosten von Frau Maischberger gehen“, sagte er.

Dienstags nacheinander

So sieht es fast nach einem fait accompli mit verteilten Rollen aus. ARD-interne Überlegungen jedenfalls laufen darauf hinaus, daß nach der Gesamtumstellung des Ersten im Herbst dieses Jahres oder zum Jahreswechsel die Shows von Schmidt und Maischberger am Dienstagabend nacheinander laufen könnten: Die vorgezogenen „Tagesthemen“ setzten um 22.15 Uhr ein und endeten um 22.45 Uhr. Dann käme eine halbe Stunde Schmidt und danach, um 23.15 Uhr, Sandra Maischberger. Auf der Suche nach einem Sendeplatz wäre in diesem Fall freilich das Wirtschaftsmagazin „Plusminus“, das im Augenblick dienstags von 21.55 Uhr bis 22.30 Uhr läuft. Die beiden Serien, die zuvor laufen, etwa die unerklärlich erfolgreiche Krankenhausseifenoper „In aller Freundschaft“, wird die ARD schwerlich opfern.

Unberührt von dem Sendeplatzstreit dürfte Reinhold Beckmann sein, der mit seiner Talkshow am Montag im Jahr 2004 stets bei einem Zuschauerschnitt von mehr als vierzehn Prozent lag. Doch haben sich seit dem Eintreten von Harald Schmidt auch Beckmanns Träume erledigt, der Anti-Kerner der ARD zu werden, mit Sendeplätzen von Montag bis Donnerstag.

Geheimer Preis

Für den ARD-Programmdirektor Struve wiederum ist Schmidt aus mehreren Gründen wichtig: Um die teure Aquisition, deren genauer Preis auch vor den Gremien möglichst geheimgehalten wird, zu rechtfertigen, käme ihm ein weiterer Termin mit Harald Schmidt, der angeblich nicht viel mehr kostet, gerade recht. Schmidt soll im Jahr der Fußballweltmeisterschaft 2006 zudem für die ARD während der Spiele möglichst häufig als Mitkommentator auftreten. In das Gesamtkonzept der WM-Präsentation paßt mehr Schmidt sehr gut hinein. Zudem endet sein Vertrag mit der ARD mit der WM, am 31. Juli 2006. Wenn er sich in diesen Tagen als Multitalent im Ersten beweist, ist das für die Programmplaner umso besser. Über Schmidts Verbleib werde man Ende des Jahres verhandeln, sagte Struve.

Mit dem WDR wiederum will es sich der Programmdirektor des Ersten nicht verscherzen, ist der Kölner Sender doch derjenige, der für das erste Programm, das im Umlageverfahren von allen ARD-Anstalten finanziert oder nach einem fein austarierten Proporz mit Programmen bestückt wird, am meisten leistet. Maischberger und Schmidt, so dürfte also das Konzept der starken Männer in der ARD lauten, so die Talkmasterin, der man das Interesse an ihren Gästen nicht immer abnimmt, ihre augenblickliche Form hält. So wie es scheint, wird sie nicht Schmidts Opfer, sondern profitiert sogar als Trittbrettfahrerin von dessen Erfolg, so fahrig, farblos und - allen Vorabbekenntnissen zum Trotz - boulevardesk ihre Show auch häufig daherkommt.

Text: F.A.Z., 14.04.2005, Nr. 86 / Seite 38
Bildmaterial: AP

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