29. September 2004 Das ganze Land debattiert über die Einführung einer Radio-Quote für deutsche Musik. Wir präsentieren zehn kontroverse Meinungen zur Quotenfrage - von Smudo bis Lindenberg, von Diederichsen bis Bohlen.
1. Udo Lindenberg spricht sich heute in Bild für die Quote aus, denn das ganze Spektrum unserer knallebunten deutschsprachigen Rock-Kultur wird dem neugierigen Hörer leider vorenthalten. Müssen wir dem Radio dafür nicht dankbar sein? Wollen wir wirklich knallebunte deutsche Rocksongs hören, und dann noch das gesamte Spektrum?
2. Dieter Bohlen entgegnet Lindenberg in der Bild-Zeitung: Man sollte das Radio auch nicht überbewerten. Ob da Radio Klingelbingel dreimal von Karl Schneckenschiss eine Nummer spielt - wen interessiert's? Mit Dieter Bohlen wollen wir natürlich nicht einer Meinung sein. Also: Her mit der Quote. Bohlen wünscht sich im übrigen, daß das Radio ein bißchen mehr das wiedergibt, was auch in den Charts stattfindet. Wußten gar nicht, daß Bohlen ständig nur Deutschlandradio hört.
3. Die Sängerin Ulla Meinecke schreibt an diesem Mittwoch in der taz: Das Publikum braucht die Quote - allein, um entscheiden zu können. Der Nachwuchs braucht sie auch. Denn: Was im Radio und im Fernsehen nicht vorkommt, hat etwa so viel Chancen sich durchzusetzen, wie ein jamaikanisches Bobteam bei Olympischen Winterspielen. Das jamaikanische Bobteam, das 1988 in Calgary tatsächlich bei Olympia startete, gewann zwar keine Medaille. Statt dessen aber wurde mit Cool Runnings ein sehr erfolgreicher Film über die vier Sportler gedreht, der sie weltweit zu Stars machte. An die Bob-Olympiasieger von Calgary hingegen erinnert sich niemand. Frau Meinecke scheint somit nicht den glücklichsten Vergleich gewählt zu haben.
4. Die Berliner Zeitung argumentiert gegen die Quote mit einem Auszug aus den aktuellen LP-Charts: Platz 1: Max Herre. Platz 2: Gentleman. Platz 4: 2raumwohnung. Platz 5: Silbermond. Platz 6: Die Ärzte. Platz 7: Reamonn. Platz 9: Söhne Mannheims. Platz 10: Böhse Onkelz. Von den zehn in Deutschland meistverkauften LPs kommen in dieser Woche acht aus Deutschland; wenn die soeben veröffentlichten neuen Alben von den Fantastischen Vier und von Rammstein (...) in der nächsten Woche in den Charts notiert werden, sind es aller Voraussicht nach zehn von zehn. Daraus schließen wir: Wir brauchen dringend eine Quote für deutsche Musik. Und zwar eine Höchtsquote. Es wäre schön, wenn sich wenigstens Rammstein verhindern ließe.
5. Heinz Rudolf Kunze Kunze kritisiert gegenüber der dpa, daß in den Medien immer noch eine Generation von Leuten sitze, die grundsätzlich alles Angloamerikanische besser findet als die eigene Herkunft. Das ist so nicht ganz richtig. In den Medien sitzen vielmehr Leute, die vieles Angloamerikanische besser finden als die Musik von Heinz Rudolf Kunze. Und das sogar generationenübergreifend.
6. Noch einmal die Berliner Zeitung: Vielleicht erfährt man bei der heutigen Anhörung ja wenigstens, wie die Quotenbefürworter überhaupt deutschen von undeutschem Pop zu unterscheiden gedenken: Zählt die Nationalität des Sängers? Oder reicht zur Not auch die des Bassisten? Muß die Staatszugehörigkeit per Paß nachgewiesen werden? Oder genügt eine deutsche Großmutter? Reicht es, wenn die Platte in Deutschland produziert wurde? Und ist der deutsche Remix eines amerikanischen Titels eher amerikanisch oder eher deutsch? Viele gute Fragen.
7. In der Welt schreibt Michael Bernd Schmidt alias Smudo von den Fantastischen Vier: Die Situation ist derart trostlos, daß ich mich, obwohl ein Freund des freien Marktes, tatsächlich genötigt sehe, mich für eine Quotenregelung zu engagieren. Bei einem Horrorsender wie Radio NRW gelte die Regel: Bei uns singt nur Grönemeyer deutsch. Und dessen Deutsch versteht man ja meistens recht schlecht. Vielleicht wäre das mit der Quote doch gar nicht so übel.
8. Diedrich Diederichsen bezeichnet im Tagesspiegel die Quotenfrage als den dämlichsten Dauerbrenner und ärgert sich, daß die Fixierung auf das Deutsche mit abstoßenden Ideen von ethnischer Identität operiert. Zudem sei die Rede von der eigenständigen Popmusik (...) auch jenseits ihrer ideologischen Häßlichkeit unerträglich. Nicht nur weil alle Popmusik hybrid ist, sondern weil ihre Stärke darin besteht, Wunsch und Willkür lebendig zu machen, nicht Traditionen zu generieren. Schon gar nicht nationale. Popmusik weiß dies. Nur ihre Förderer nicht. Außerdem findet Diederichsen, daß man, wenn schon, nicht deutsche, sondern gute Popmusik begünstigen sollte. Da hat er natürlich recht. Wer aber wollte bestimmen, was unter dieses Rubrum zu zählen sei? Etwa die Kultusministerkonferenz?
9. Der Liedermacher Konstantin Wecker sagt der dpa: Wenn diese Quote beinhalten würde, daß wieder intelligentere Musik im Radio gespielt würde, dann wäre ich sofort dabei. Weckers Selbstvertrauen sei gepriesen; wir wären uns freilich nicht so sicher, ob, würde intelligentere Musik gespielt werden, auch seine Lieder dabei wären.
10. Denken wir einmal zurück an die goldene Zeit der deutschen Musik - Ende der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre. Damals gab es keine Quote, und dennoch waren Radio und Fernsehen voll von deutschen Klängen. Sie kamen von Costa Cordalis und Vicky Leandros, von Wencke Myhre und Gitte Haenning, von Dalida und Bata Illic, Vico Torriani und Udo Jürgens, Bill Ramsey, Peggy March und Howard Carpendale - und damit aus Griechenland, Norwegen, Dänemark, Frankreich, Jugoslawien, Schweiz, Österreich, Amerika und Südafrika. Selbst die Beatles (Komm, gib mir deine Hand) und Elvis (Muß i denn zum Städtele hinaus) sangen, weil die Deutschen das offenbar so wollten, auf deutsch. Und damit wären wir dann auch bei der Lösung: Laßt uns im Radio doch weiterhin die Hits von Madonna und Robbie Williams hören - solange sie einen Teil davon auf deutsch singen.
P.S. Elvis und die Beatles haben sich dann doch noch in ihrer Heimatsprache durchgesetzt. Sogar bei uns.
Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET
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