Städtebau

Berlins neue Mitte soll alt aussehen

Von Katja Blomberg

05. Juli 2002 Der Bundestag hat entschieden - für die historische Schlossfassade. Überraschend klar war am Ende das Votum der Abgeordneten für die Variante der Rekonstruktion: ein Rückschlag für diejenigen, die der zeitgenössischen Architektur eine Chance geben wollten. Warum aber sollten beide Sphären, das alte Schloss und das „neue“, moderne Berlin, einander nicht ergänzen können?

Wüst und leer sei Berlins Mitte, finden die einen. Die Mitte Berlins sei die Neuerfindung Deutschlands als friedliebende und zivilisierte Nation, in der eine junge, urbane Konsum-Elite Fuß gefasst hat, finden die anderen. Sie entwickeln seit der Wiedervereinigung außergewöhnliche Business-Konzepte und erfreuen sich ihrer Handy-, Netz- und Clubkultur. Ihre Mitte heißt „Mitte“, sie ist aber nicht alles.

Ein Traum wird Realität

Berlins Mitte ist historisch. Sie liegt nicht dort, wo das moderne Leben des 21. Jahrhunderts rund um die Hackeschen Höfe in modischem Glas-Stahlbeton, in Lofts und sanierten Hinterhöfen pulsiert. Berlins historische Mitte liegt am Ende des Prachtboulevards Unter den Linden gegenüber der Museumsinsel unweit des Berliner Doms, dort, wo einst das Stadtschloss der brandenburgischen Kurfürsten, der preußischen Könige und deutschen Kaiser stand, dort, wo heute eine gigantische leere Fläche klafft und Autos parken.

Als Anfang der 90er Jahre ein „Förderverein Berliner Stadtschloss e.V.“ gegründet wurde und sein Initiator, der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien, 1993 eine Schlossattrappe aus bemalten Tüchern in den Maßen des ehemaligen Schlosses auf dem Schlossplatz installieren ließ, hatte das Vorhaben etwas durchaus Spielerisches. Die Attrappe war das, was das Bedürfnis nach Erinnerung befriedigte und in seiner Fassadenhaftigkeit zugleich ironisierte. Nicht wenige haben damals gelächelt, weil sie meinten, dass der Wiederaufbau des Schlosses zwar ein schöner Traum, aber eben doch nur ein Traum sein sollte.

Sieg der Berharrlichkeit

Was mit Theaterzauber vor knapp zehn Jahren Anschauung bot, wird nun durch Beharrlichkeit Realität. Dass auf dem Berliner Stadtschlossplatz in der Kubatur des alten Schlosses gebaut wird, ist letztlich der mit Nachdruck verfolgten Wiederaufbauüberzeugung des Fördervereins zu danken. Seit den Anfang des Jahres 2002 ausgesprochenen Empfehlungen der zwischenzeitlich eingesetzten „Expertenkommission“ konkretisiert sich die Planung. Der Deutsche Bundestag aber hat ein rein ästhetisches Urteil gesprochen. Darin ging es allein um die Frage, ob dem neuen Baukörper die Maske des vergangenen Schlosses aufgesetzt oder ein Gesicht der Gegenwart verliehen werden soll.

Das Schloss als Fundament des Aufbruchs

Wie das Schloss wirklich aussehen wird, hängt jedoch nicht zuletzt von der Finanzierung ab. Wie der gigantische Komplex genutzt, gestaltet und finanziert wird, wer ihn baut und wann es losgeht, dies alles wird frühestens beschlossen, wenn sich die Bundesregierung nach der Bundestagswahl neu eingerichtet hat.

Bis dahin wird eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Bund und Land, die sich aus den Bereichen Kultur, Bauen und Finanzen zusammensetzt in der Nachfolge der Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“, die sich im Frühjahr nach getaner Arbeit aufgelöst hatte, ein realisierbares Finanz- und Nutzungskonzept auszuarbeiten versuchen. Das modische Berlin in „Mitte“ könnte in wenigen Jahren schon durch einen gigantischen Kulturkomplex ergänzt werden, der äußerlich Berliner Geschichte sichtbar Kontinuität verleihen will, während im Inneren gelehrt und gelernt, studiert, betrachtet und diskutiert werden soll. Eine Mitte der Reflexion würde entstehen und der „Mitte“ des kulturellen Aufbruchs sein Fundament verschaffen.



Text: @blo
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET

 
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