In der Mördergrube

26. Februar 2004 Wenn man nicht weiß, was einen erwartet, braucht man eine gute Dreiviertelstunde, um in diesem Film zu erkennen, wie alles zusammenhängt. Bis dahin ergibt die Geschichte so viel Sinn wie ein Satz aus Scrabblesteinen, die man kräftig durchgeschüttelt und auf einen Tisch gekippt hat. Wenn man dann endlich klarer sieht, kann man sich allerdings des Verdachts nicht erwehren, daß die mutwillige Dekonstruktion aller Sinnzusammenhänge womöglich nur dazu dient, den Kolportagecharakter der Story zu verschleiern. So wie die Bilder, von denen ein Kritiker schrieb, sie sähen aus wie in Bourbon getunkt und mit Zigarettenrauch behandelt. Oder wie die Schauspieler, die so ähnlich aussehen, denen man aber ohnehin alles abkaufen würde.

Denn ein Film, der Sean Penn, Benicio Del Toro, Naomi Watts und Charlotte Gainsbourg versammelt, kann natürlich nie ganz schlecht sein. Aber sie alle bewegen sich so sehr auf ihren eigenen Umlaufbahnen von Schuld und Erlösung, Schmerz und Wut, sind so gefangen in ihrem auferlegten Schicksal, daß kaum je der Funke überspringt. Und doch kann man sich der Beharrlichkeit, mit der Alejandro González Iñárritu sie zusammenzwingt, auf Dauer kaum entziehen.

Eine Dreiviertelstunde tappt man also bei "21 Gramm" im dunkeln, und weil das natürlich kein Versehen, sondern gestalterische Absicht ist, sollte man nicht leichtfertig die Zusammenhänge offenbaren. Drei Figuren sind es, deren Lebenswege auf Kollisionskurs gebracht werden - und wie bei Iñárritus vielgepriesenem Debüt "Amores perros" ist es ein Verkehrsunfall, durch den sich die Schicksale kreuzen und verknoten. Da gibt es Sean Penn, einen Collegeprofessor mit schwachem Herzen, der auf ein Spenderherz wartet und dessen Frau (Charlotte Gainsbourg) sich ein Kind von ihm wünscht. Außerdem Naomi Watts, die sich als ehemalige Kokserin nun in einer Selbsthilfegruppe befindet. Und Benicio Del Toro, der nach einer Verbrecher- und Alkoholikerkarriere Heil im Glauben gefunden hat und als Wiedertäufer Buße tut. Drei Menschen, denen auf die Stirn geschrieben steht, welche Mühe es sie kostet, sich gegen das vorgezeichnete Unheil zu stemmen.

Die drei Menschen haben offensichtlich nichts miteinander zu tun, und doch sieht man sie zu Beginn schon immer wieder zusammen: als Liebende in einem Motel, in panischer Fahrt zu einem Krankenhaus, zu dritt in einem Zimmer. Mal ist Penn sterbenskrank und raucht heimlich im Bad eine Zigarette, dann sieht man ihn ohne körperliche Beschwerden mit einer anderen Frau. Mal redet Naomi Watts nach dem Entzug in der Gruppe über Ehemann und Kinder, dann sieht man sie wieder Koks schnupfen. Nie wird wirklich deutlich, was vorher war und was nachher ist und wie gestern, heute, morgen zusammenhängen. Man kann auch nicht behaupten, daß die Auflösung wirklich befriedigend ist, weil sie eine Unentrinnbarkeit behauptet, die sich metaphysisch gebärdet und sich doch nur dramaturgischen Konventionen verdankt.

Am Schluß heißt es etwa, 21 Gramm betrage das Gewicht, das man im Moment des Todes verliere, "das Gewicht von fünf Münzen, einem Schokoriegel, einem Kolibri. Wieviel geht verloren? Wieviel ist gewonnen? Wie viele Leben leben wir?" Das ist genau jene Art von existentialistischen Allgemeinplätzen, die sich in ihrer raunenden Poetik gefallen, mit denen aber Iñárritu und sein Drehbuchautor Guillermo Arriaga auf Dauer lediglich das ausdrucksvolle Spiel der Darsteller ins Nichtssagende verflüchtigen. Doch bei allem heiligen Ernst, der in ihrem Film am Werk ist, läßt sich ihm jenseits der Selbstgefälligkeit nicht absprechen, daß er auch eine Kraft besitzt - und eine Genauigkeit im Schmerz, die sich in ihrer Unabweisbarkeit wie ein eiserner Ring ums Gemüt legt.

Clint Eastwood hat schon bei der Entgegennahme des Golden Globe für Sean Penn darauf hingewiesen, daß er zu jenen Schauspielern gehöre, die so gut sind, daß man ihre Leistungen fast schon als Selbstverständlichkeit abtut. Tatsächlich ist Penn dieses Jahr nicht nur in "Mystic River", sondern auch in "21 Gramm" als Schmerzensmann von einer so gewaltigen Präsenz, daß er am Ende bei den Oscars vielleicht doch noch Bill Murray den Rang abläuft. So graugesichtig läuft er durch den Film, daß man befürchtet, jeden Moment werde alles Leben aus ihm entweichen. Und auch Del Toro besitzt jene darstellerische Eindringlichkeit, die stets das Schlimmste befürchten läßt. Die größte Überraschung ist jedoch Naomi Watts, die etwas blaßgesichtige Erscheinung aus "Mulholland Drive" und "Ring", die aus ihrem Herzen hier eine Mördergrube macht, in die am Ende alle hineinfallen.

MICHAEL ALTHEN



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2004, Nr. 49 / Seite 39

 
Blättern
Überdruck

Vernebelungstaktik

von Andrea Diener, 11.10.2008 20:26

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche