Wellenreiter

Gut verkauft

Von Jörg Thomann

12. April 2005 Was eigentlich sind das für Leute, die solch einen Schund kaufen? Auf diese Frage, die sich angesichts der Trübnis popmusikalischer Bestsellerlisten aufdrängt, ist eine Antwort gefunden worden: dieselben Leute, die den Schund produziert haben.

Zumindest manchmal. Der Plattenproduzent David Brandes nämlich steht unter dem Verdacht, von ihm betreuten Künstlern zum Aufstieg in die deutschen „Top 100“ verholfen zu haben, indem er ihre Platten in großen Mengen aufkaufen ließ. Pro Woche habe er hundert bis zweihundert CDs erworben, hatte einer der beauftragten Aufkäufer einem Fernsehmagazin gebeichtet und eine Elekromarkt-Kette in bestimmten Filialen ein „ungewöhnliches Kaufverhalten“ registriert: Binnen weniger Minuten habe sich die Single „Run and Hide“ der deutschen Eurovision-Teilnehmerin Gracia, die zuvor jungfräulich unangetastet in den Regalen lag, „bündelweise“ verkauft. Für einen Charteinstieg mußten die Bündel in diesen absatzschwachen Tagen nicht einmal sehr dick sein: Im Winter hatten dem Sänger Ronan Keating ganze 214 verkaufte Platten einen Platz in den „Top 100“ gesichert.

Neben der Bajuwarin Gracia tauchten die estnischen Billiglohnsängerinnen „Vanilla Ninja“ und eine Combo namens „Virus Incorporation“ auf Brandes' Gehaltsliste, seinem Einkaufszettel und anschließend in den Charts auf - aus denen sie nun wieder verschwinden. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft hat die Titel streichen lassen - schließlich wolle man „nur tatsächliche Marktgeschehnisse abbilden, nicht aber künstlich herbeigeführte Marktbewegungen“.

Künstliche Bewegungen

Den ökonomischen Laien muß das verwundern. Sollte es der maroden Musikindustrie nicht lieber sein, wenn sich auf ihrem Markt etwas künstlich bewegt als tatsächlich gar nichts? Bringen die Scheine, die jemand für sein eigenes Produkt hinlegt, dem Händler etwa weniger Gewinn? Und ist es nicht sogar lobenswert, wenn ein gutsituierter Musikproduzent sich selbst das Geld aus der Tasche zieht statt einem durch diverse Klingelton-Abonnements schon hochverschuldeten Teenager?

Es sollten sich vielmehr andere Branchen an David Brandes ein Beispiel nehmen: So wäre womöglich der unpopuläre Kleinstwagen eines Großkonzerns zum Absatzrenner geworden, hätte der Hersteller selbst die Autohäuser leergekauft und seinen Führungskräften den Ladenhüter als Dienstwagen verordnet. Es lebe der Unternehmer, der selbst ein Konsument ist.

Die mündige Masse

Außerdem läßt uns Brandes, der seine Strategie in einer Songzeile von „Run and Hide“ ganz unverblümt ausbreitetet („I payed the bill“), von einer mündigen Masse träumen, deren Geschmack so schlecht, wie es die Charts vermuten lassen, gar nicht ist: Sollten auch beim unheimlichen Siegeszug des Chart-Ungetüms „Schnappi“ vor allem die Produzenten selbst zugeschnappt haben? Und könnte es sein, daß Bestsellerautoren wie Rosamunde Pilcher und Peter Hahne nur deshalb so erfolgreich sind, weil sie in ihren Kellern die eigenen Bücher horten?

Selbst wenn das nur eine Wunschvorstellung wäre - einen Verdienst wird man dem Produzenten, der seine eigenen Platten aus dem Verkehr gezogen hat, schwerlich absprechen können: die vorbildliche Entsorgung von Elektroschrott.



Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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