Wellenreiter

Lieber Zuschauer, schalten Sie um

Von Jörg Thomann

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

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26. Oktober 2004 Gäbe es so etwas wie einen Fairplay-Preis für das Fernsehen, so hätte ihn zweifellos das ZDF verdient. Wobei das, was der Sender am Montag abend tat, viel mehr war als nur fair, nämlich absolut uneigennützig, ein echter Liebesdienst für die Konkurrenz. Wer hätte gedacht, daß wir so einen Moment in diesen unbarmherzigen, quotenneidischen Zeiten noch erleben dürfen?

Was war geschehen? Der Mainzer Sender hatte, schon lobenswert genug, den Montag abend einem bislang einmaligen Experiment gewidmet: Er ließ ein Fernsehspiel in Echtzeit aufführen. Das Familiendrama „Feuer in der Nacht“ um einen aus der Bahn geratenen Polizisten wurde live gespielt und übertragen. So hübsch die Idee, so zäh geriet freilich die Umsetzung; das Live-Stück war vor allem zu Anfang ein Kammerspiel, das dramaturgisch auf der Stelle trat. Und dann, eine knappe halbe Stunde mochte vergangen sein, machte das ZDF dem an seinem Durchhaltevermögen zweifelnden Zuschauer ein Angebot, das dieser kaum ablehnen konnte: Um jenen, die es bereits vergessen hatten, zu demonstrieren, daß alles hier live geschah, griff die Tochter des Polizisten zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Und zwar nicht das ZDF - dort hätte sie sich ja selbst gesehen -, sondern den Konkurrenzkanal RTL, wo gerade Günther Jauch neue Kandidaten bei „Wer wird Millionär?“ begrüßte.

Der pure Altruismus

Wir schätzen mal, daß Tausende ZDF-Zuschauer ihrem Beispiel gefolgt sind - allein schon, um sich davon zu überzeugen, daß hier kein Trick vorlag. Jauch sendete wirklich - und nicht wenige der ZDF-Flüchtlinge dürften bei ihm ein Asyl gefunden haben. Normalerweise verfügt ein im Fernsehen gezeigtes Fernsehgerät stets nur über einen einzigen Kanal, nämlich den, den auch der Zuschauer gerade verfolgt; in Sat.1-Filmen etwa liefen immer die Sat.1-Nachrichten, auch wenn die in Wirklichkeit kaum einer schauen mochte. Seinem Publikum das Fenster zur RTL-Welt zu öffen, das war der pure Altruismus, den das ZDF jedoch bitter bezahlen mußte: Spärliche 3,64 Millionen Zuschauer fürs „Feuer in der Nacht“ standen 9,31 Millionen für Jauch gegenüber.

Bei Pro Sieben hätten sie sich sowas nie getraut. Dort mißt man seine Kräfte nicht mit der direkten Konkurrenz, sondern weicht ihr lieber aus. So fängt in dieser und in der nächsten Woche Stefan Raabs „TV Total“ eine Stunde später an als üblich, mittwochs gar erst um 0.20 Uhr. Der Grund dafür ist die Dschungelshow „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ bei RTL: Erst wenn dort die letzte Made verspeist ist, wagt Raab sich auf den Bildschirm. Bei Pro Sieben hofft man wohl, daß der Audience-Flow das RTL-Publikum aus dem Dschungel direkt zu „TV Total“ spült.

Dschungel-TV auf Pro Sieben

Die Zielgruppe beider Sendungen ist dieselbe - und der Inhalt auch: Monothematisch widmet sich Raab derzeit der Dschungel-Show. Kaum je hat ein deutscher Fernsehsender so unverhohlen versucht, von der Programmidee eines Konkurrenten (oder genauer, einer von diesem eingekauften Idee) zu profitieren. Wenn sich Desirée Nick bei RTL in einen Fluß übergibt, so tut sie das kurz darauf auch bei Pro Sieben, nur daß diesmal nicht Dirk Bach, sondern Stefan Raab darüber witzelt. Pro Sieben bietet sogar ein Dschungel-Gewinnspiel an. Nachdem Dolly Buster die Nick einen „blöden Parasiten“ schalt, zeigte Raab grinsend auf sich selbst und sagte: „schlauer Parasit“. Will man ihm da widersprechen?

Immerhin wird auch „TV Total“ nun live ausgestrahlt. Doch wesentlich mannhafter wäre es, würde Raab den Quotenkampf direkt aufnehmen und live gegen die Dschungelstars antreten; er könnte ja in eine Studio-Ecke ein Fernsehgerät stellen, auf dem RTL läuft. Doch soviel Fairplay wäre vom Fernsehen wohl zuviel verlangt.

Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

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