19. Januar 2005 Der Arm des Bundeskanzlers reicht vermutlich doch viel länger, als manche denken. Sein widerspenstiger, aus diversen Boulevardmedien bekannter Halbbruder Lothar Vosseler wird nun doch nicht an der demnächst startenden Pro-Sieben-Show Die Burg teilnehmen - einer von Festungsmauern umgebenen Version des RTL-Dschungelcamps. Dort werden für zwei Wochen die verzweifeltsten Figuren der Mediengesellschaft einziehen, nicht aber Lothar Vosseler, der sich, wie wir heute in Bild nachlesen, nicht zum Deppen machen möchte.
Eine kolportierte Gage von 22.800 Euro schlägt Vosseler damit in den Wind, was für jemanden, der in den Medien abwechselnd auftaucht als jemand, der stolz einen neuen Job antritt, und einer, der seinen Job soeben wieder verloren hat, keine geringe Summe ist. Und weil Vosseler bislang nie ein Problem damit hatte, sich zum Deppen zu machen, denken wir einfach mal, daß diesmal der Bundeskanzler persönlich eingegriffen und den Bruder zur Vernunft gebracht hat. In Sachen PR-Werte steht Schröder schließlich gerade wieder glänzend da und wird wenig Lust verspüren, sich das durch die täglichen Fernsehauftritte von Lothar im Kettenhemd wieder kaputtmachen zu lassen.
Frauen an den Kochtopf
Bei Pro Sieben hat man bislang noch keinen Ersatz für Vosseler gefunden. Vielleicht sollten sie sich an Graciano Rocchigiani wenden. Der hat ja schon eine - erfolglose - Sendung für Pro Sieben gemacht (Der Tag der Ehre) und steht immer bereit, wenn der Boulevard einen Deppen präsentieren möchte. Gerade hat ja Regina Halmich mal wieder geboxt, und weil Frauenboxen für die Bild-Zeitung ein nur eher facettenarmes Thema ist, hat man mal wieder bei Rocchigiani nachgefragt und die gewünschte Antwort erhalten: Frauen gehören an den Kochtopf und ins Bett, nicht in einen Boxring. So einfach kommt man manchmal an eine Schlagzeile.
Die Mitspieler bei der Burg will Pro Sieben in Adel und Pöbel aufteilen; wer wohin darf, wird durch Duelle entschieden. Bei Rocchigiani könnte das ein Problem werden: Er würde sicher jedes Duell für sich entscheiden, avancierte somit aber zum Adligen und wäre als solcher nicht sehr glaubhaft. Immerhin wäre er wohl preiswerter als Lothar Vosseler. Gestern noch hätten wir nun beider Humankapital verglichen, aber darauf wollen wir aus nachvollziehbaren Gründen - Das Unwort des Jahres 2004: Humankapital - besser verzichten.
Was Schmidt pro Sekunde kostet
Wobei gerade im Fernsehgeschäft das Humankapital, das wir freundlicher als Menschenvermögen bezeichnen wollen, eine große Rolle spielt. Am heutigen Mittwoch abend geht Harald Schmidt für die ARD auf Sendung, was die Süddeutsche Zeitung zu einem Bericht veranlaßt, der statt auf die Medien- eher auf die Mathematikseite der Zeitung gehörte, wenn es denn eine gäbe. Zahlen über Zahlen präsentieren die Rechenkünstler, die nachweisen, daß der große Humankapitalist Schmidt die ARD rund 9,7 Millionen Euro kostet (brutto) und eine Sendeminute 5200 Euro. Das sind, so wollen wir hinzufügen, 86,67 Euro pro Sekunde (gerundet). Das ist nicht wenig. Hätte aber die ARD lieber Lothar Vosseler engagieren sollen?
Unklar ist, wieviel Manuel Andrack bekommt. Auf den Mann, der auch im Ersten neben Schmidt sitzen darf, schießt sich der Tagesspiegel ein: Bei der Premiere war er die Schwachstelle. Schmidt tat einem kurz leid, er kam immer mehr in Form, Andrack blieb erstarrt, das Paar erinnerte an Merkel und ihren ersten Generalsekretär Polenz. Ob es Andrack wie Polenz ergeht, der rasch ausgetauscht wurde? Mit Harald Schmidt verglichen zu werden, ist Angela Merkel ganz gewiß noch nicht passiert - und umgekehrt auch nicht. Und ob sie tatsächlich so groß in Form ist, wie das Berliner Blatt offensichtlich findet?
Zum Thema Merkel wollen wir auch noch Helmut Dietl zu Wort kommen lassen. Der Filmregisseur hat in einem Gespräch mit der Zeitschrift GQ gesagt: Ich will nicht bestreiten, daß die Frau Merkel eine Frau ist. Sie kommt sozusagen in der Erscheinungsform der Frau daher. Aber sie könnte auch der Herr Merkel sein. Und: Ich fürchte, daß Frauen in Männerpositionen sich immer den Männerschuh dermaßen extrem anziehen, daß ein ganz harter Stiefel daraus wird. Genau dasselbe hat ja auch Graciano Rocchigiani sagen wollen. Er hat sich nur nicht so gewählt ausdrücken können.
Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET
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