15. April 2002 Was wiegt die Stimme Europas, wenn sie zum Nahost-Konflikt oder zur amerikanischen Option, den Irak anzugreifen, Stellung bezieht? Und was könnte sie wiegen? Der amerikanische Philosoph Richard Rorty wirft europäischen Politikern und Intellektuellen Verantwortungslosigkeit vor. Anstatt die Aktionen Amerikas abzuwarten und dann zu kritisieren, sollte Europa eine eigenständige Position entwickeln und seine weltpolitische Macht ausnutzen.
In einem FAZ.NET-Interview spricht Rorty über amerikanische Alleingänge, die fehlende Einflussnahme Europas und das Versagen der amerikanischen Opposition. Der Philosoph zählt zu den wichtigsten politischen Intellektuellen Amerikas.
Sie haben oft geäußert, dass der Philosoph im Kontext politischer Debatten nichts zu suchen hat, insbesondere in seiner klassischen Rolle als Experte für Wahrheit, Moral und Grundlagenprobleme. Können Sie denn widerstehen, wenn die ganze Welt über Universalismus, Wertkonflikte, Menschenrechte oder gerechte Kriege diskutiert?
Ich denke schon. Mir scheint, dass all die Diskussionen unter den Intellektuellen über die Implikationen des 11. September nicht viel gefruchtet haben. Das gilt besonders für das Gerede über einen Kampf der Kulturen; der Terrorangriff hatte so viel mit dem Islam zu tun wie die Mafia mit dem Christentum. Es ist schlimm genug, wenn irgendwelche Banden moderne Technik einsetzen, um enormen Schaden anzurichten und möglicherweise die Struktur der gesamten Zivilisation zu schwächen; man muss es nicht auch noch hochphilosophieren als die Revolte einer gigantischen Macht gegen eine andere gigantische Macht.
Zur Auseinandersetzung der Kulturen haben Sie selbst beigetragen mit der provokativen Bemerkung, wir hätten vom Islam nichts zu lernen.
Ich habe versucht, das ein wenig umzuformulieren: Wenn wir etwas zu lernen haben, dann wird es nicht viel mit Freiheit oder sozialer Gerechtigkeit zu tun haben, denn da sind wir im Westen die Experten.
In einem kürzlich veröffentlichten Aufruf amerikanischer Intellektueller mit dem Titel Letter from America werden solche westlichen Überzeugungen nun aber zur Rechtfertigung militärischer Gewalt herangezogen. Hätten Sie das unterschrieben?
Nein, ich bin auch nicht gefragt worden. Der Text war viel zu lang und enthielt so viel Verschiedenes, dass von niemandem mehr volle Zustimmung erwartet werden konnte. Ich habe auch noch nie viel mit der Idee des gerechten Krieges anfangen können, ich sehe Kriege eher als notwendig oder überflüssig an. Der Krieg gegen Hitler war nötig, der in Vietnam unnötig.
Ist denn der Krieg gegen den Irak notwendig?
Das Problem ist, dass unsere Regierung uns andauernd belügt. Die amerikanischen Regierungen haben sich während des Kalten Krieges abgewöhnt uns zu sagen, was sie tun. Nun gibt es ständig die Gefahr, dass wir morgens aufwachen und erfahren, dass wir Bagdad bombardieren. Die Regierung wird uns dann Geheimdienstberichte präsentieren, die beweisen, dass das nötig war, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, ob diese Berichte echt sind oder nicht.
Theoretisch sind wir eine demokratische Gesellschaft, doch faktisch haben wir einen nationalen Sicherheitsstaat, in dem man Entscheidungen solcher Art hinter den Kulissen trifft. Es gibt eigentlich keine effektiven Debatten darüber, und wir können nur hoffen und beten, dass die Regierung nicht geistesgestört ist. Dafür gibt es allerdings keinerlei Garantie. Niemand weiß, ob es diese Fabriken im Irak wirklich gibt. Falls es sie gibt ...- nun, Saddam ist eines der skrupelloseren Schweine der uns bekannten Geschichte; es gibt eigentlich keinen Grund anzunehmen, dass er seine Waffen nicht auch einsetzen wird. Ich weiß nicht, ob man wirklich auf die erste Rakete warten sollte, die aus dem Irak kommt.
Angesichts dessen würden Sie also auch unilaterale amerikanische Maßnahmen unterstützen?
Wenn es öffentlich vorgelegte, überzeugende Beweise gäbe und niemand etwas unternimmt, dann sollten die USA intervenieren! Wenn die UN funktionieren würden, ohne Vetorechte, oder wenn es eine andere funktionierende Organisation demokratischer Staaten gäbe, die solche Entscheidungen treffen würde, dann könnte man unilaterale Entscheidungen kritisieren. Solange es keine effektive Weltpolizei gibt außer dem US-Militär, macht solche Kritik keinen Sinn.
Die Hoffnung auf Europa ist in diesem Zusammenhang bei der amerikanischen Linken zur Zeit verbreitet. Was würden Sie denn von Europas Außenpolitik im Einzelnen erwarten?
Wenn etwas Übles passiert, etwa der 11. September oder Berichte von biologischen Waffenfabriken im Irak oder ein neues Massaker in Ruanda oder so etwas, dann sollten sich die Außenminister der EU zusammenfinden und eine europäische Position vorstellen, einschließlich der Differenzen zu Washington. Europa nutzt seine Macht nicht aus. Das Resultat ist die schlechte Angewohnheit europäischer Politiker und Intellektueller, erst abzuwarten, was die Amerikaner wieder Dummes vorhaben und dann zu erläutern, dass man es besser weiß. Das ist einfach verantwortungslos.
Wie steht es denn mit den doch vernehmlichen Unterschieden gegenüber Israel?
Ich wünschte, die Europäer hätten 1993 nach Oslo klar und deutlich gesagt: Wir sind gegen weitere israelische Siedlungen! Das ist ein Desaster und wir fordern die USA auf, Israel nicht weiter zu unterstützen! Es ist sehr gut möglich, das die derzeitige Situation nicht so hoffnungslos wäre, wie sie ist. Die USA haben die Siedlungen akzeptiert, weil die jüdische Lobby in den USA sehr stark ist und Israel genügend Einfluss in Washington hat. Europäischer Protest wäre sehr gut gewesen!
Die amerikanische Linke schaut vor allem auch deshalb nach Europa, weil ihr Einfluss in den USA so gering ist. Sind die Räume für linke Intellektuelle hier eng geworden?
Da bin ich nicht sicher. Ich denke, die europäische Linke war einfach nur überrascht, dass die amerikanische Linke die Invasion Afghanistans unterstützt hat. Ich verstehe diese Überraschung immer noch nicht.
Wie immer man zur Intervention stehen mag, es ist doch ein Fakt, dass zur Außenpolitik der Regierung zur Zeit hier kaum Kritik geäußert wird, weder im Kongress, noch in den Medien. Wieso nicht?
Ich weiß es nicht. Die Demokratische Partei ist unglaublich verängstigt. Sie verhält sich, als könne man vor der Wahl im November nichts sagen, das auch nur im geringsten den Eindruck aufkommen lassen könnte, man sei weniger kriegsbegeistert als die Regierung. Es ist schrecklich, die Partei tut ihre Pflicht nicht.
Vielleicht hat sie wahlstrategisch recht.
Vielleicht. Wenn das so ist, dann geht es unserem Land noch schlechter als man es eh schon dachte. Wenn man nicht einmal mehr eine Debatte über internationale Politik tolerieren kann, dann sind wir keine wirklich demokratische Gesellschaft mehr.
Gibt es dafür nicht einige Anzeichen?
Na schön, ich gebe es zu. Der derzeitige Mangel an öffentlicher Diskussion ist tief deprimierend und auch überraschend. Die Art und Weise, wie sogar die linken, liberalen Zeitungen es als unausweichlich ansehen, dass der Irak bombardiert wird, ist schon gespenstisch. Da sehen Sie, warum Leute wie ich auf Europa hoffen.
Das Gespräch führte Ralph Obermauer
Text: @ober
Bildmaterial: dpa, faz.net
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