Wellenreiter

Sorgen um den Sängernachwuchs

Von Jörg Thomann

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

17. Januar 2005 Man hätte es natürlich auch anders machen können. Hätte sagen können, gut, wir schreiben jetzt mal über diese junge deutsche Band und die Musik, die sie macht, weil das jüngere Leser interessieren könnte. Zwar waren auf diese Idee viel früher schon etliche andere gekommen, doch manchmal ist es ja besser spät als nie. Das „moderne Nachrichtenmagazin“ namens „Focus“ hätte also einen Artikel schreiben können über die Band, die sich „Juli“ nennt. Und damit wäre es gut gewesen.

Irgendwie aber muß man sich bei „Focus“ überlegt haben, daß „Junge Band ist mit deutscher Musik erfolgreich“ allein noch keine übermäßig originelle Story ist. Ungleich spannender wäre doch zum Beispiel: „Junge, erfolgreiche deutsche Band vor dem Ende“. Das ist vielleicht ein wenig gewagt, wenn man etwa berücksichtigt, daß jene Band im Februar eine große Tournee beginnt, daß sie regelmäßig im Radio gespielt wird und in den Charts vertreten ist, aber man kann es ja dennoch mal versuchen.

Makabrer Beiklang

Was „Focus“ in seiner heutigen Ausgabe dann auch tut. Aufhänger der Geschichte ist die „Juli“-Single „Die perfekte Welle“, die eine Zeitlang allerorts zu hören war, am 28. Dezember vergangenen Jahres aber aus Radio und Fernsehen verschwunden ist - als Reaktion auf die Flutkatastrophe in Asien. Das muntere Surfer-Liedchen hatte für die Programmplaner einen makabren Beiklang erhalten, den man dem Publikum nicht zumuten wollte. Dasselbe Schicksal traf weitere Lieder und Fernsehsendungen, und man mag darüber streiten, ob die Reaktion übertrieben oder angemessen war. (Diese Kolumne hat ihren Namen auch nicht geändert, allerdings über mehrere Tage ausgesetzt.)

„Focus“ teilt uns an diesem Montag nun mit, wie „die Gießener Newcomer-Band Juli diesen Einschnitt verkraftet“. Den Artikel illustriert eine große Fotomontage, auf der eine immense Flutwelle über die „Juli“-Sängerin Eva Briegel schwappt - eine angesichts der zahllosen Toten in der Katastrophenregion etwas eigenartige Bildsprache. „Droht der Band Juli das vorzeitige Karriereende?“, fragt dazu die Bildunterschrift; Anlaß für die Vermutung ist indes keine akute Bedrohung der Sängerin, sondern die Tatsache, daß ihr „erster Hit“ nicht mehr gespielt werde.

Lächerliche These

Die Fakten, die „Focus“ im Text mitzuteilen hat, belegen freilich, wie lächerlich die gesamte These ist. Als die Flutwelle am 26. Dezember über Asien hereinbrach, hatte sich „Die perfekte Welle“ längst 233.000mal verkauft, der dazugehörige Longplayer gar 375.500mal. Unerwähnt bleibt bei „Focus“ der Veröffentlichungstermin: Die CD war am 20. September, die Single schon am 28. Juni in den Handel gekommen. Ein halbes Jahr also konnte sie sich ungestört verkaufen, bis sie der Bannstrahl traf. Zu diesem Zeitpunkt wiederum war längst die zweite, am 15. November veröffentlichte Single „Geile Zeit“ auf dem Markt, die sich zwar nicht ebensogut, aber auch sehr ordentlich verkauft, bislang 46.000mal. Kein Wunder: Das Lied klingt nur unwesentlich anders als die „Perfekte Welle“.

Die Band selbst hat laut dem Magazin „Verständnis“ für den Boykott des Titels, ihre Plattenfirma Universal teilt mit, daß die erste Single ohnehin „zur Streichung vorgesehen“ sei und nicht mehr nachproduziert werde. Und auch das ist ganz normal: Eine durchschnittlich erfolgreiche Single pflegt nach ein paar Monaten aus den Läden zu verschwinden. Wer das Lied später sucht, kann sich immer noch die CD kaufen.

Weder die Band „Juli“ also noch ihre Plattenfirma fürchtet um ihre Karriere, und warum auch: Mehrere Konzerte der ersten Deutschland-Tournee sind schon ausverkauft. Mit seinen Sorgen steht der „Focus“ also ganz allein.

„Geile Zeit“ übrigens ist in der ersten Januarwoche nicht weniger als 1.278mal im Radio gespielt worden - und so mancher Hörer wird sich wünschen, daß auch diese Welle allmählich abebbt.

Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche