Ausstellung

Fotos der Gegenwart zwischen Dokument und Zaubermalerei

Von Roland Schappert

25. Februar 2002 Mitte der 80 Jahre wurden die Bilder größer, dann kam der Ruhm und schließlich die digitale Illusion: Das Museum Kunst Palast in Düsseldorf zeigt jetzt die facettenreiche Erfolgsgeschichte zweier Künstlergenerationen, die die Fotografie als Kunstform seit den 60er Jahren durchsetzten und zwischen Dokumentation und Zaubermalerei technisch virtuos entwickelten. „Heute bis jetzt. Zeitgenössische Fotografie aus Düsseldorf“ zeigt unter anderen Arbeiten von Klaus Rinke, Thomas Struth, Candida Höfer, Rolf Sasse und Thomas Ruff.

Die meisten der an dieser Schau beteiligten Künstler besuchten in den 80er Jahren die Düsseldorfer Kunstakademie. Dort leitete seit 1976 Bernd Becher den neu eingerichteten Lehrstuhl für Fotografie. Candida Höfer, Axel Hütte und Thomas Struth gehörten von Anfang an dazu. Andreas Gursky, Thomas Ruff, Jörg Sasse und viele andere folgten. Zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 70er Jahre, war die Fotografie in Deutschland noch kein allgemein anerkanntes Medium der Kunst. Zum ersten Mal diskutierte man in der Fachwelt überhaupt erst anlässlich der documenta V 1972 ernsthaft darüber. Und dann dauerte es noch fast 15 Jahre, bis die Öffentlichkeit nachzog und auch die Fotolabors technisch in der Lage waren, große Farbfotografien haltbar zu entwickeln. Format und Beständigkeit sollten doch wieder der herkömmlichen Vorstellung vom "Bild" entsprechen.

Häuser-Serien mit unterschiedlichen Schattierungen

Spannend sind in der an diesem Wochenende eröffneten Ausstellung Gegenüberstellungen so ähnlich wirkender und im Detail doch unterschiedlicher Konzepte wie Bernd und Hilla Bechers Tableaus der „Hochöfen USA“, die zwischen 1979 und 1986 entstanden sind, und Candida Höfers „Haus des Rundfunks“ von 2001. Der skulptural modellierenden, gleichmäßigen Lichtwirkung der Bechers stellt Höfer eine situativere, in Verläufen angelegte Lichtführung entgegen.
Hervorragend fällt daneben eine Landschaft von Thomas Struth auf, „Paradise 20, Bayerischer Wald“ von 1999. Die Aufnahme überzeugt ebenso durch eine genau ausgewogene Licht- und Farbführung wie durch die Klarheit der Komposition, die auf jegliche digitale Veredelung verzichtet.

Digitale Bauten mit Kunstfarben

Direkt hinter dem Eingang findet der Besucher eine Digitalecke. An der Wand irritiert ein blaues, unscharfes Bild im Querformat, das Rolf Sasse im Jahr 2000 produzierte. Schemenhaft sind darauf eine Straße erkennbar und verschwommene Lichtstreifen. Die Aufnahme lässt viel Platz für die Fantasie des Betrachters. Ein zweites Bild, ebenfalls von Jörg Sasse, zeigt ein knallrotes Dach auf einem kleinen Haus, dass so weiß wie ein Spielzeug ist. Das ganze in malerischer Herbstlandschaft und alles digital bearbeitet.

Mit Bildtiteln wie „4687“ und „8626“ deutet Sasse an, dass es ihm um eine Bildsuche und weniger um die Darstellung vorgegebener Realität geht. Man meint zwar Bekanntes zu sehen, ortet aber nichts Konkretes. Konkret sind nur die Geschichten der Betrachter und die digitalen Bildoberflächen.

Reproduktion der Reproduktion

Neben dem dokumentarischen Ansatz, den die Lehrer Bernd und Hilla Becher an die jüngere Generation weitergaben, ebneten Künstler wie Hans-Peter Feldmann, Katharina Sieverding und Klaus Rinke schon seit den 60er Jahren das Terrain für die aktuelle Fotokunst in Düsseldorf.

In der Ausstellung zeigt sich, dass die älteren Künstler nicht so vordergründig am Bild als Oberfläche interessiert sind: Feldmann erhält nur die Oberfläche von vorgefundenen Postkarten. Er lässt die Farbstiche billigster „Drogerieabzüge“ bewusst zu und verwertet seine kommentarlosen Bestandsaufnahmen sozialer Alltagsfotografie als kleine Abbildungen an der Wand. Sein Medium ist die Reproduktion einer Reproduktion, wie er in der Ausstellung auf kleinen Laserprints mit Blicken aus Hotelzimmerfenstern vorführt.

Für Klaus Rinke ist die Fotografie auch Mittel zum Zweck - ein Medium neben vielen anderen. Seine Aufnahme „Wasser (Mittelmeer)“ von 1974 leuchtet zwar im Fotoabzug genauso grell, monochrom überblau wie sein „Wasser (Pazifik)“ von 1998 - wichtiger sind dem Künstler aber Fragen nach Raum, Identität und Zeit.

Die Ausstellung ist wegen der Überfülle des vorhandenen Materials zweiteilig angelegt und wird Ende Mai in einer weiteren Ausgabe fortgeführt.

„heute bis jetzt. Zeitgenössische Fotografie aus Düsseldorf“,
Museum Kunst Palast, Düsseldorf
Erster Teil vom 23. Februar bis 16. Juni
Dienstags bis sonntags von 12 bis 20 Uhr



Text: @blo
Bildmaterial: Candida Höfer, Jörg Sasse

 
Rubriken

Aussterbende Kunst

Handgemalte Großposter für Bollywoodfilme

 
Video in voller Größe
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche