Von Edo Reents
11. Juni 2004 Bei dem Bild, das wir uns von den großen Popkünstlern machen, spielt das Verhältnis zwischen Können und Charakter keine Rolle. Als in den sechziger Jahren an den Londoner Häuserwänden geschrieben stand, daß Eric Clapton Gott ist, da wies der englische Gitarrist solche Bewunderung, für die sich mancher die Hand abgehackt hätte, zurück: "Daß Musiker heute einflußreicher als Politiker sein können, ist grotesk. Man braucht zum Musikmachen weder besondere Intelligenz noch eine vorbildliche Moral." Es war Frank Sinatra, der über einen anderen Musiker sagte, dieser sei das einzige Genie im Geschäft.
Ray Charles war es nicht recht, daß man so über ihn sprach, und was er dagegen sagte, ist frei von Koketterie: "Ich bin ein Gebrauchsmusiker. Deswegen bin ich immer noch da." Über Moral verlor er kein Wort. Trotzdem oder eher deswegen war er nicht nur die einflußreichste, sondern auch die geachtetste und bis zuletzt würdigste Erscheinung, welche die Popmusik in ihrer fünfzigjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Man schmälert die Verdienste anderer nicht, wenn man feststellt, daß die Anfänge der bluesgrundierten Popmusik mit denen von Ray Charles zusammenfielen.
Ein Schock für die Gralshüter
Am 23. September 1930 in Albany, Georgia, als Ray Charles Robinson unehelich geboren und arm aufgewachsen, erblindete er mit sechs Jahren, mußte vorher aber noch mitansehen, wie sein Bruder ertrank, studierte in St. Augustine, Florida, Musik und ging dann, fast ein Kind noch, in den äußersten Nordwesten nach Seattle. Hier brachte der in der Nachtclubmusik eines Nat King Cole wie in Country & Western gleichermaßen Versierte seine ersten Singles heraus, von denen eine Ahmet Ertegun in die Hände fiel. Der Präsident der Plattenfirma Atlantic nahm den Mann sofort und ohne ihn sich anzusehen unter Vertrag, weil er sich mit seinem Produzenten Jerry Wexler einig war, daß kein Stein mehr auf dem anderen stehen würde, sobald der neue Schützling den Mund richtig auftäte.
Ray Charles hatte einen kleinen zeitlichen Vorsprung vor Clyde McPhatters "Drifters", der sich als ausschlaggebend erweisen sollte. Der Gospel "My Jesus Is All The World To Me", den er im Radio hörte, gab die Initialzündung. Er wies einen seiner Musiker an, dafür einen anderen Text zu finden. So ging "I Got A Woman" in die Geschichte ein als die erste gelungene Verschmelzung von Rhythm & Blues und Gospel. Das Lied gelangte an die Spitze der Hitparade und schockierte die Gralshüter auf beiden Seiten. Es war aber nicht die musikalische Fusion, welche die Leute so in Rage brachte, sondern das Ineinander von Text und dessen skandalös delikater Interpretation. "Ray war bad, bevor jemand wußte, was das Wort überhaupt bedeutet", sagte die Sängerin Etta James. Michael Jackson, der mit dem Ausdruck 1987 hausieren ging, wirkt dagegen wie eine Disneyfigur.
Alles, was dieser Mann tat, war Musik
Ray Charles galt fortan als verrucht, weil er es gewagt hatte, statt Jesus sein Baby anzurufen, anzuflehen, anzuröcheln, anzuschluchzen. Dies tat er mit einer ganz und gar ungewöhnlichen Stimme: Sie war rauh und tief im Blues geerdet, verstieg sich aber mitunter in Höhen, die abwechselnd oder eben zugleich erschreckten und entzückten. Schmerz und Wollust, Schluchzen und Lachen, das war bei ihm eines. So gut wie jeder Soulsänger der sechziger Jahre sollte davon profitieren, daß beides unter einen Hut zu bringen war. Rasch folgten Anschlußtreffer wie "A Fool For You" und "Drown In My Own Tears", die aber vor allem im schwarzen Milieu gehört wurden.
Ray Charles hat weder um seine Blindheit noch um seine Hautfarbe ein Aufhebens gemacht, war aber überzeugt davon, daß ein Schwarzer, der sich öffentlich so bewegt hätte wie Elvis Presley, das nicht überlebt hätte. Zum Rock'n'Roll hielt er Distanz, sonst hätte er statt Klavier wohl Gitarre gespielt, das Instrument des weinerlichen Troubadours. Was er den Leuten mitzuteilen hatte, kam ohnehin so tief aus dem Inneren, daß es einer klimpernden Vermittlung nicht bedurfte. Seine Musik enthalte zuviel Verzweiflung, diktierte er dem Schreiber seiner 1978 erschienenen Autobiographie in die Feder, als daß ein so unerwachsenes Genre wie der Rock'n'Roll dafür der angemessene Ausdruck sein könnte. Es ist keine Floskel, wenn man sagt, daß alles, was dieser Mann tat, Musik war: reden, denken, atmen.
20 Jahre Heroinsucht überwunden
Seinen eigentlichen Durchbruch erzielte der Außerordentliche 1959 mit "What'd I Say", einem nervös pulsierenden Song, in dem das vormals rein spirituelle Frage-Antwort-Schema um jene handfest sexuelle Konnotation erweitert wurde, die Sensation machte. Es war zugleich das Abschiedsgeschenk für seine Firma. Ray Charles hatte Atlantic viel zu verdanken, aber umgekehrt gilt das vermutlich noch mehr. Er wechselte zu ABC/Paramount und erwies sich auch hier als Neuerer und Integrator in einem, diesmal im Country. Das Album "Modern Sounds In Country & Western Music" erschloß 1962 der als altmodisch und bieder verschrieenen Sparte neue Hörer, die sich auch an der sirupdicken Soße, die Ray Charles über einen seiner berühmtesten Songs goß, nicht störten: "I Can't Stop Loving You".
Zu Mitte des Jahrzehnts sah es danach aus, als ob der Mann, der als Komponist, Arrangeur und Bandleader zwischenzeitlich auch dem Cool Jazz aus der Sackgasse half, ein klischeehaftes Rockerschicksal erleiden sollte. Er wurde wegen Heroinbesitzes verhaftet und gab bei der Gelegenheit zu, daß er sich das Rauschgift seit zwanzig Jahren spritzte. Doch er überwand die Sucht und reüssierte 1967 mit dem Soundtrack zu Norman Jewisons Film "In der Hitze der Nacht", in dem die schwitzend-sinnliche Schwermut des Südens exemplarisch zum Ausdruck kam. Verschlagen und wehmütig war nicht zuletzt diese Musik, und das blieb auch das meiste von dem, was er in der Folge machte.
Mit der Musik Gottes und den Worten des Teufels
Wie soll man ein Genie dekonstruieren, fragte sein alter Freund Quincy Jones, mit dem er in Rotlichtvierteln schon Bebop gespielt hatte: "Er nahm die Musik Gottes und die Worte des Teufels und machte daraus das Amalgam, das wir Soul nennen." Ray Charles' Größe, die sich in den folgenden, sowohl im Plattenstudio wie auf der Bühne unvermindert produktiven Jahrzehnten als etwas ganz besonderes dem Popgedächtnis einprägte, zeigt sich aber auch an der Prominenz seiner Schüler: Stevie Wonder, Steve Winwood, Joe Cocker und viele andere. Niemand von ihnen kopierte ihn - das konnten sie gar nicht -, aber alle lernten sie, wie man den Soul richtig singt: als unverstellten und darum allein legitimen Ausdruck einer Seele, die Schlimmes erlebt haben mochte, die aber nie verstummen kann.
Wenn es Gott gefallen sollte, ihn demnächst aus dem Spiel zu nehmen, bekannte der passionierte Schachspieler unlängst, dann sei er damit einverstanden. Das ist nun eingetreten. Am Donnerstag ist Ray Charles in seinem Haus in Beverly Hills gestorben.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AP
Bildmaterial: AP, AP , REUTERS
Chaoten, Nixen und ein KampfsportpandaDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |
Sollte Philip Roth endlich den Nobelpreis bekommen?Leser fragen, Marcel Reich-Ranicki erklärt die![]() | ![]() |
