Von Michael Gassmann
17. August 2005 Orange ist nicht nur die Farbe der unblutigen ukrainischen Revolution, es ist auch die Farbe Taizés. Sie verströmt Wärme, aber hat keine Botschaft, erinnert weder an das Gelb in der Flagge des Vatikans noch an jenes Purpurrot, mit dem die Kirche an das Blut der Märtyrer gemahnt. Das Orange von Taizé leuchtet zur Zeit im Turm der Sankt-Agnes-Kirche in Köln, und auch im Innern des Gotteshauses ist der Altarraum mit orangefarbenen Stoffbahnen geschmückt.
Die ökumenische Gemeinschaft hat in Sankt Agnes für die Dauer des Weltjugendtages ein geistliches Zentrum errichtet, in dem in freien Formen das Stundengebet gehalten wird. Sankt Agnes ist nach dem Dom die größte Kirche der Stadt; sie wurde im Krieg schwer beschädigt, erst vor rund zwanzig Jahren wurden ihre neugotischen Gewölbe wiederhergestellt. Im Moment sind die Bänke herausgeräumt, und auf den ausgelegten Teppichbahnen lagern täglich Hunderte Pilger des Weltjugendtages. Die einst zerstörten Gewölbe sind nun stimmungsvoll angestrahlt; nie hat man die Proportionen des Raums als schöner empfunden, und zum ersten Mal scheint der riesige Bau wirklich mit Leben gefüllt.
Taizés Ritual der Liebe zieht Alt und Jung an
Am Dienstag abend um halb elf füllt sich die Kirche für das Nachtgebet. Teilnehmer erhalten einen Liederzettel und eine Kerze, sie werden gebeten, sich hinzusetzen. Für den Taizé-Novizen ist das Ritual ebenso anheimelnd wie befremdlich. Vom Band erklingt Bachs Kunst der Fuge, aber nur bis zur Mitte des zweiten Contrapunctus, dann wird ausgeblendet. Es folgen, eins nach dem anderen, jene harmonieseligen Lieder, mit denen Taizé berühmt geworden ist. Nach dem vierten oder fünften folgt eine Lesung: Lasset die Kinder zu mir kommen.
Es ist ein Ritual der Liebe und der Harmonie, das hier gefeiert wird: Lobt und vertraut Gott, denn er ist gütig und gerecht und wird euch Frieden bringen. Das Ritual ist attraktiv, zieht Alt und Jung, Singles und Paare (auch gleichgeschlechtliche) an und verführt viele zum Ausharren. Was die Liturgie der Kirche sonst oft vermissen läßt, wird hier im Übermaß geboten: stille, stimmungsvolle Inszenierung und Zeit, soviel man will. So auch am Dienstag abend.
Zunächst kaum Reaktion auf die Schreckensnachricht
Gegen 23 Uhr erhebt sich der Vorbeter der vorne knieenden Mitbrüder und erklärt, daß man soeben eine schreckliche Nachricht erhalten habe. Frère Roger, der Gründer von Taizé, sei beim heutigen Abendgebet durch ein Messerattentat verletzt worden und kurze Zeit später gestorben. Der Vorbeter wiederholt die Nachricht in brüchigem Englisch. Dann sagt er: Wir fahren mit dem Gebet fort.
Man hört einen unterdrückten Schrei, einige weinen. Die meisten aber reagieren gar nicht, vielleicht weil sie des Deutschen und Englischen nicht mächtig sind. Kein Raunen, keine Bewegung. Vom Liedzettel werden nun vor allem Lieder gewählt, die mehr nach Moll tendieren. Bleibet hier und wachet mit mir macht den Anfang, bestimmt eine Viertelstunde lang wird das Lied wiederholt. Ansonsten ändert sich nichts.
Die Sprache Taizés kennt nur Harmonie
Auf die schlimmste Nachricht, die die Gemeinschaft von Taizé ereilen kann, wird kaum reagiert. Bei Gelegenheit sagt jemand vorne ins Mikrofon: Gott ist die Liebe, dann singt man weiter. Anscheinend hat die Kunde außerhalb der Kirche viele Menschen erreicht, jedenfalls füllt sich der Raum mehr und mehr. Irgendwann sind die Zelebranten fast unbemerkt verschwunden, die Gemeinde bleibt allein zurück.
Für die Bewältigung des Schreckens hat die Gemeinschaft von Taizé keine Sprache entwickelt, ihre Liturgie handelt nun einmal nicht von der Sünde. Fast könnte man an diesem Abend den Eindruck gewinnen, daß der Ernstfall in diesem Reich der allumfassenden, apfelsinenfarbigen Harmonie nicht vorgesehen ist. Frieden hinterlasse ich euch wird gegen Ende gesungen. Draußen auf der Straße haben Jugendliche ihre Handys gezückt und verbreiten die traurige Nachricht.
Text: F.A.Z., 18.08.2005, Nr. 191 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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