02. Dezember 2003 Die Entlassung des Feuilletonchefs hat nichts mit den Sparmaßnahmen zu tun, die der Züricher "Tages-Anzeiger" (Tamedia) vor wenigen Tagen angekündigt hat. Um acht Millionen Franken wird das Redaktionsbudget gekürzt, 41 Stellen werden gestrichen: Von allen großen Schweizer Zeitungen hat der "Tages-Anzeiger" als letzte auf die Krise reagiert - mit Maßnahmen, die sich im Branchenvergleich als unerwartet sanft erweisen: Die Einschnitte liegen bei fünfzehn Prozent, zwölf Journalisten werden entlassen. Es hätte für die in jeder Hinsicht üppig ausgestattete Redaktion sehr viel schlimmer kommen können, kommen müssen, denn der "Tages-Anzeiger" wurde genauso wie alle anderen vom Einbruch der Erlöse erwischt. Und zudem steckt er in einer tiefen Identitätskrise: Es ist die Krise der Grünen und der Linken, deren publizistische Heimat die führende Zürcher Zeitung links von der "NZZ" ist.
Bevor sie die Probleme des publizistischen Flaggschiffs mit einer Viertelmillion Auflage anging, hatte die Konzernleitung der Tamedia mit dem Deutschen Martin Kall an der Spitze den Zeitschriftensektor und den Druckereibetrieb mit einem massiven Stellenabbau bereinigt. Die Zeitschrift "Du" wurde verkauft. Daß die Tageszeitung jetzt relativ schonend behandelt wird, ist ein Bekenntnis zu ihr: als langjähriger Goldesel hat sie den vielfach katastrophalen Ausbau des Verlags finanziert. Die Sparmaßnahmen erfolgen parallel zu einer Neupositionierung und widerspiegeln die neuen "redaktionellen Prioritäten": Der Sport und die Kultur müssen bluten.
Eine Seite weniger
Das Feuilleton verliert nicht nur seinen Chef, sondern eine Seite pro Tag. Gegen die Entlassung des Ressortleiters hat die Redaktion in einer Stellungnahme, die sie ins eigene Blatt rückte, protestiert. Der Kulturteil wird ab sofort von Claudia Kühner verantwortet. Sie hat sich bei der "Weltwoche" und bei der "Neuen Zürcher Zeitung" einen hervorragenden Namen gemacht. Der "Neuanfang verlangt nach einem neuen Konzept", erklärt Chefredakteur Peter Hartmeier: "Diese Aufgabe wollte ich Claudia Kühner übergeben, weil ich ihr diese konzeptionelle Aufgabe und die Durchsetzungsfähigkeit zutraue." Sie ist im Gegensatz zu ihrem Vorgänger ein politischer Kopf und im Kulturbetrieb durch ihre Unbestechlichkeit bekannt. In der Redaktion wird sie "General" genannt. Claudia Kühner will das Rezensionsfeuilleton, das in besseren Zeiten die Meinungsführerschaft beanspruchen konnte, zu einem Ressort umbauen, in dem erneut die gesellschaftlichen Entwicklungen behandelt und begleitet werden.
Claudia Kühner hatte sich mit Erfolg um Debattenbeiträge in der Zeitung gekümmert - dieser Bereich wird im neuen "Tages-Anzeiger" im ersten Buch eine eigene "Analyseseite" bekommen. Gleich nach dem "Hintergrund". Geplant ist weiter eine Rochade von "Ausland" und "Inland": Auf den ersten Seiten wird die Zeitung über die Schweiz berichten. Diese Umstellung unterstreicht die Absicht von Konzernchef Kall, in Zukunft mit Regional- und Lokalblättern zusammenzuarbeiten, denen er einen "Mantel" anbieten möchte. Mit einiger Besorgnis verfolgt die "Neue Zürcher Zeitung" Kalls erklärten Willen, "eine führende Rolle im Markt der Schweizer Regionalzeitungen" zu erobern.
Bürgerlich orientiert
Die NZZ ist mit sehr unterschiedlicher Fortüne in St. Gallen, Luzern und Bern engagiert, Kalls Expansionsgelüste für den "Tages-Anzeiger" hatte man indes eher mit dem Großraum und den angrenzenden Gebieten in Verbindung gebracht. Die Zeitungen, die hier erscheinen, sind "größtenteils bürgerlich orientiert", schreibt die "NZZ", "für sie ist der ,Tages-Anzeiger' ein rotes und damit inkompatibles Blatt". Die erwartete Belebung der Konjunktur werde den "Leidensdruck" der Regionalblätter verringern, spekuliert die "NZZ" - und damit die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit Kalls Tamedia aus der Welt schaffen.
Doch der "Tages-Anzeiger" rüstet keineswegs nur für den Kampf im Nahbereich auf. In der Konzernleitung werden Pläne geschmiedet, die noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Nicht nur die für einen "Mantel" vorgesehenen Redaktionen bleiben vom Personalabbau weitgehend verschont, auch die Samstagsbeilage "Das Magazin" steht keineswegs zur Disposition. Im Gegenteil - prominente Journalisten werden erst engagiert. Innerhalb einer Woche wurden zwei Starautoren der "Weltwoche" eingekauft: Martin Beglinger und der Kolumnist Martin Suter, dessen Romane internationale Bestseller sind.
Aufgekaufte Konkurrenz
Gegen die Gratiszeitungen, unter denen der "Tages-Anzeiger" besonders stark litt, hatte Kall ein eigenes Blatt aufgebaut. Zwei Tage bevor es erstmals erscheinen sollte, wurde das Projekt gestoppt - die Konkurrenz, die er bekämpfen wollte, konnte wie gewünscht aufgekauft werden. Von "Krieg" hatte Kall gesprochen. Und als Kriegserklärung werden die Konkurrenten nun seine "Magazin"-Pläne empfinden. Die renommierte Samstagsbeilage des "Tages-Anzeiger" soll wie früher auch der "Berner Zeitung" beigelegt werden. Das wird über die eigene Beteiligung an deren Verlag problemlos zu realisieren sein. "Das Magazin" strebt aber weiter - bis an den Rhein: Auch die "Basler Zeitung" wird es nach Kalls Vorstellungen zukünftig ihren Lesern offerieren. Die eigene Wochenendbeilage dort fiel soeben den Sparmaßnahmen zum Opfer. Und falls die angeschlagenen Basler mit ihrer Allergie gegen Zürich nicht wollen, kann man sie mit Drohgebärden gefügig machen: Kall wäre ganz gewiß bereit, sein "Magazin" in Basel zum Nulltarif der "Sonntags-Zeitung" aus dem Hause Tamedia beizulegen. Die Zürcher haben kürzlich auch "Radio Basilisk" gekauft.
Mit seinem Schachzug tritt der "Tages-Anzeiger" der "NZZ", die ihre Monatsbeilage "Folio" auch in St. Gallen und Bern (beim "Bund") vertreiben kann, außerhalb des Platzes Zürich frontal und ziemlich unfreundlich entgegen. Kall bekommt ein Medium, das sich für nationale Werbekampagnen geradezu aufdrängt. Diese Anzeigen sind in jüngster Zeit sehr stark in die Sonntagszeitungen abgewandert. Deren Markt floriert, bei den Anzeigen und den Lesern. Die drei führenden Verlagshäuser Ringier, Tamedia, NZZ sind hier direkte Konkurrenten. Ein attraktives Farbmagazin mit einer halben Million Auflage ist eine vielversprechende Alternative. Es könnte der Gattung und dem Samstag als früher einmal wichtigstem Zeitungstag ihre verlorene Bedeutung zurückgeben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Dezember 2003
Bildmaterial: FAZ.NET
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