Von Holger Christmann
15. Juli 2001 In der Neujahrsrede von Bundeskanzler Schröder zum Millennium fand sich ein bemerkenswerter Satz: Wir (Sie) können nicht dasitzen und abwarten, was der Staat, was die Politik tun können.
Was geht in einer Gesellschaft vor, in der ein solcher Satz gesagt werden kann, ohne dass das Groteske und die Absurdität der Aussage auch nur ansatzweise begriffen wird? Ohne dass gesehen wird, dass hier auf billigstem rhetorischem Niveau versucht wird, sich solidarisch anzubiedern und ein Wir-Gefühl herzustellen?, fragt der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer. Er wundert sich über die seiner Meinung nach um sich greifende Kritiklosigkeit unserer Gesellschaft. Sind wir von Schröders Brioni-Anzügen schon so geblendet, dass wir ihm so etwas durchgehen lassen?
Der Studi will möglichst lange Kind bleiben
In einem Buch, das dieser Tage erschienen ist, schildern Wertheimer und neun weitere Autoren, was ihnen an unserer Zeit missfällt. Ihr Unbehagen fassen sie in dem Wort Spaßgesellschaft zusammen. Spaß ist für Wertheimer und seine Kollegen das Gegenteil von Kritikbewusstsein.
Ein Ausdruck dieses Bedürfnisses nach Spaß bei wachsender Unlust an kritischer Ernsthaftigkeit ist die Tendenz zur Harmlosigkeit, ja zur Verkindlichung der ganzen Gesellschaft. Alle wollen niedlich, lieb und lustig sein - nur bloß nicht erwachsen, mündig und ernst.
Dieses Sich-Klein-Stellen bemerkt Heinz Schlaffer auch im Hörsaal. Aus Studenten würden Studis, die sich vor nichts mehr fürchteten als vor dem Erwachsenwerden. Aus dieser Furcht könnte den Studi wohl nur die Aussicht erlösen, aus der Prüfung als Magi oder Doki hervorzugehen, schreibt Schlaffer so sarkastisch wie treffend.
Die Verdummung unserer Gesellschaft hat für Wertheimer und die Mit-Autoren viele Gesichter. Eines ist die Flucht vor dem Ernst des Lebens. Die einen fliehen in den Rausch der Lovparade, die anderen in die Dauer-Party von MTV und Viva. Ein anderes Gesicht der Verdummung sind Talkshows, in denen über Themen wie Mein Busen ist der schönste, Alle Frauen sind käuflich, und Euch Kanackis geht es viel zu gut gestritten wird. Hier hat das Triviale in den letzten Jahren neue Tiefpunkte erreicht.
Große Klappe als Erfolgsfaktor
Über Verdummung lässt sich nicht schreiben, ohne das Fernsehen zu erwähnen. Das Fernsehen hat zum ersten Mal in der Geschichte dafür gesorgt, dass die Gescheiten in großem Stil neidisch auf die Dummen wurden. Während der Uni-Assistent ein Dasein als einsame graue Maus fristet und sich viele Jahre lang mühevoll hocharbeiten muss, setzt sich mancher Unqualifizierte in einen Container und wird berühmt, wobei ihm schneller Reichtum und die Herzen zahlloser Verehrerinnen zufliegen.
Über seine Auslesekriterien sorgt vor allem das Privatfernsehen dafür, dass rudimentäre Sprachbeherrschung, Platitüden oder einfach oberflächliche Information via Satellit global Verbreitung finden - und mit ihm die Denkstrukturen des Fernsehens. Das ist keine neue Einsicht, aber eine, an die Wertheimer zurecht erinnert.
Dummheit in der akademischen Welt
Wertheimer glaubt, dass das Fernsehen inzwischen auch das Theater infiziert hat, wo triebhafte, halbdebile Helden ihr Unwesen treiben. Als ein Beispiel unter vielen nennt er das Stück Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte, in dem drei Stunden lang der Lernprozess eines brutalen Trottels geschildert werde. Infantil geht es für Wertheimer dort zu, wo die Gemeinplätze von Jungschriftstellern (Tristesse Royale) zum Medienereignis werden.
Das Fernsehen ist nicht allein an allem schuld. Auch akademische Überheblichkeit kann Unsinn fördern. So wird gerade in den Kulturwissenschaften Unverständliches oft nicht hinterfragt. Diese Kritiklosigkeit entblößte der Physiker Alan Sokal, als es ihm 1996 gelang, in der Zeitschrift Social Text einen Jux-Aufsatz über transformative Hermeneutik der quantitativen Gravität unterzubringen. Voller Ernst produzierte der Philosoph Jacques Derrida Unsinn, als er in seinem Buch Glas Hegel mit dem französischen Wort Aigle (Adler) assoziierte, um eine Verbindung zwischen dem Philosophen und dem Reichsadler zu suggerieren - niemand widersprach ihm.
Provokation ist alles
Die Medien spielen nach Ansicht Wertheimers bei akademischen Scharlatanerien gerne mit: etwa wenn sie in der Gen-Debatte die Provokationen Peter Sloterdijks zum Großereignis hochspielten; oder wenn Kritiker den schlichten Einsichten eines Rainald Goetz die höheren Weihen des Genialischen verleihen.
Martin Doehlemann bewahrt in seinem Aufsatz über dumme Sinnsysteme jedoch vor der Meinung, unsere Zeit sei deutlich dümmer als frühere Zeiten. Er veranschaulicht das an nationalistischen Sinnystemen der ersten Jahrhunderthälfte.
Unsere Zeit bildet sich jedoch oft ein, klüger zu sein als andere, und das kann zu einer ganz eigenen Art von Dummheit führen: So verspricht ein Anbieter von Internet-Nachrichten, das ganze Weltwissen in wengen Zeilen gespeichert zu haben.
Das Fernsehen - Endpunkt der Evolution?
Der Einfluss des Fernsehens ist jedoch trotz dieser übrigen Faktoren nicht zu unterschätzen. Das Fernsehen hat schon jetzt eine ganze Generation von Studenten geprägt. Ein Aspekt der vielbeklagten Misere an den Hochschulen ist, dass das kursorische Wissen größer ist als früher: Jeder hat von allem schon gehört. Doch das Tiefenwissen geht zurück - und damit die Fähigkeit und die Geduld, sich auf komplexe Zusammenhänge einzulassen.
Der Intelligenzforscher Joseph Chilton Pearce geht soweit, dass unter dem gewaltigen Einfluss des Fernsehens die menschliche Evolution an ihr Ende gekommen sei. Weil die Gehirne nicht mehr genügend stimuliert würden, weil die Potenziale unausgeschöpft blieben, ginge die Zukunft verloren. Auch wenn dieses Szenario die vielen Kopfarbeiter ausschließt, die zum Fernsehen wenig Zeit haben, so hat dieser Befund doch für die Gesellschaft als Ganzes eine beunruhigende Plausibilität.
Ob all diese Phänomene zurecht mit der Spaßgesellschaft gleichzusetzen sind, sei dahingestellt. Spaß wollten auch frühere Generationen haben. Spaß ist Teil einer Wohlstandsgesellschaft, die der Langeweile entkommen will. Eine Spaßgesellschaft war auch der Hof Ludwigs XIV. Die Zerstreuungen waren allerdings raffinierter, die Konversationen um einiges geistreicher als heute.
Jürgen Wertheimer u.a.: Strategien der Verdummung. Infantilisierung in der Fun-Gesellschaft. Verlag C.H.Beck, 159 Seiten, DM 19.90
Text: @hc
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