Von Hartmut Scherzer
23. Mai 2007 Bert Dietz atmete tief durch, bevor er die Frage beantwortete, ob er der Einzige im Team Telekom gewesen sei, dem von den Freiburger Ärzten 1995 im Trainingslager auf Mallorca Epo angeboten und fortan verabreicht worden sei. Bei mir hat das System funktioniert. Wie das bei den anderen war, dazu will und kann ich hier nichts sagen. Indirekt hat Dietz alle Mannschaftskameraden der Jahre 1994 bis 1998, von A (wie Aldag) bis Z (wie Zabel), nun dem Verdacht ausgesetzt.
Dietz dürfte auch manchen alten - ungenannten - Kameraden in die Bredouille gebracht haben mit dem Motiv für sein Geständnis: Mich stört seit der Operacion Puerto, wie wild denunziert und geheuchelt wurde. Wie von Leuten auf die fünfzig schwarzen Schafe gezeigt wurde, die selbst Dreck am Stecken haben, die den großen Helden Ullrich niederknüppeln, Leute, die jahrelang zum Kern des Teams gehört haben.
Aldag: Neee, um Gottes willen!
In einem Interview der Fachzeitschrift Tour hatte Rolf Aldag auf die Frage: Haben Sie jemals Epo genommen, Kortison, Amphetamine? erwidert: Neee, um Gottes willen! Ich hätte keine Nacht mehr ruhig schlafen können. Mich hat niemand kontaktiert, um mir etwas anzubieten.
Aldag, heute Sportdirektor beim Team T-Mobile, wird sich seinem Arbeitgeber gegenüber genauer erklären müssen. Am Dienstag beantwortete er Anrufe mit der SMS: Hallo an alle. Sorry, hab' euch nicht vergessen. Haben intern viel zu besprechen. Ich kann jetzt leider nicht alle Anfragen bearbeiten. Habt bitte Verständnis, dass wir das irgendwie über Stefan Wagner und Christian Frommert koordinieren. Wagner und Frommert steuern die Sportkommunikation von Konzern und Team.
Audehm erlitt einen Herzstillstand
Das waren die bekannten Team-Kameraden von Bert Dietz in den fünf Jahren, die zum Großteil heute noch in der Radsport-Szene aktiv sind, ob immer noch auf dem Rad oder im Begleitauto:
Rolf Aldag (Sportdirektor bei T-Mobile), Gerd Audehm (erlitt mit 32 Jahren beim Fitnesstraining einen Herzstillstand und ist seitdem ein Pflegefall), Udo Bölts, Christian Henn (beide Sportliche Leiter bei Gerolsteiner), Jens Heppner (Sportlicher Leiter bei Wiesenhof), Brian Holm (Sportlicher Leiter bei T-Mobile), Mario Kummer (Sportdirektor bei Astana), Kai Hundertmarck (Triathlon-Profi), Olaf Ludwig (von T-Mobile letztes Jahr gekündigter Besitzer der Team-Lizenz), Axel Merckx (Fahrer bei T-Mobile), Uwe Raab (Besitzer eines Radgeschäfts), Bjarne Riis (Besitzer des CSC-Teams), Jan Schaffrath (Sportlicher Leiter bei T-Mobile), Georg Totschnig (letztes Jahr Karriere beendet), Jan Ullrich (im Februar zurückgetreten), Steffen Wesemann (Fahrer bei Wiesenhof), Erik Zabel (Fahrer bei Milram).
Ampler verlor in der dritten Instanz
Die Zukunft des Teams stand 1995 auf der Kippe. Telekom war so erfolglos, dass die Bonner Mannschaft nicht zur Tour de France eingeladen wurde. Erst nach einem Bittgang vom damaligen Team-Besitzer Walter Godefroot nach Paris zu Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc wurden wenigstens sechs Telekom-Fahrer in einer gemischten Mannschaft zugelassen: Aldag, Bölts, Heppner, Ludwig, der Ukrainer Pulnikow und Zabel. Mit zwei Etappensiegen sicherte Zabel die Fortsetzung des Telekom-Sponsorings. Dann kam Bjarne Riis und wurde in Magenta Tour-Sieger.
Schon 1994 hatte ein ehemaliger Telekom-Fahrer, Uwe Ampler, für Doping-Schlagzeilen gesorgt und Godefroot verklagt, er sei ohne sein Wissen gedopt worden. Ampler verlor den Prozess in der dritten Instanz. Im Jahr nach dem Festina-Skandal war der Spiegel 1999 systematischem Epo-Doping beim Team Telekom und Jan Ullrich auf der Spur, der Pfleger Jef D'hont und Bert Dietz haben den Verdacht nun nachträglich als begründet bestätigt.
Jeder Tourfahrer spritzt für gewöhnlich Epo
Jan Ullrich erwirkte damals vor dem Landgericht Hamburg eine Gegendarstellung. Der Spiegel schreibt: ,Nach Berichten früherer Mitglieder wird im Team Telekom genauso systematisch und umfassend gedopt wie bei der gesamten Konkurrenz . . . Einer, der damals dabei war, erinnert sich: . . . seit 1996 spritzt sich jeder Tourfahrer für gewöhnlich Epo' - Hierzu stelle ich (Ullrich) fest: Ich habe noch nie Epo gespritzt und auch sonst zu keinem Zeitpunkt gedopt.
Die mehr als eine Spalte lange Gegendarstellung war an einen Artikel über einen aktuellen Dopingfall im Team Telekom angehängt. Ullrichs Tourhelfer Christian Henn war bei einer Dopingkontrolle mit überhöhtem Testosteronwert erwischt worden. Udo Bölts hat sich stets, so auch in seiner im vergangenen Jahr erschienenen Autobiografie (Quäl dich, du Sau) als Dopinggegner dargestellt: Was ich mit meinen naturgegebenen physischen Fähigkeiten erreichen kann, stellt mich voll und ganz zufrieden. Und wenn das nicht reicht, um ganz oben zu stehen, dann hat mir der liebe Gott eben nicht mehr gegeben.
Text: F.A.Z., 23.05.2007, Nr. 118 / Seite 31
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/epa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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