Umfassende Beichten

Zabel und Aldag gestehen Epo-Doping

24. Mai 2007 Der frühere Telekom-Fahrer und heutige T-Mobile-Sportchef Rolf Aldag hat bei einer Pressekonferenz in Bonn ein umfassendes Epo-Geständnis abgelegt. „Ich habe mich aktiv für Doping entschieden“, sagte Aldag, und erklärte, von 1995 bis 2002 mit Epo gedopt zu haben. Er entschuldigte sich dafür, bisher gelogen zu haben. „Man kann es ohnehin nicht beweisen“, war seine Annahme. „Ich entschuldige mich für das Doping und für die Lügerei“. Er endete mit der Vermutung: „Wahrscheinlich machen es alle.“

Auch der frühere Telekom-Sprintstar Erik Zabel hat sich offenbart, gedopt und gelogen zu haben. „Ich habe gedopt, weil es ging“, sagte er bei seiner Beichte, die ihm sichtlich schwer fiel. „Ich habe jahrelang gelogen, und möchte mich dafür entschuldigen“, sagte er, und kämpfte dabei mit den Tränen. Zabel erklärte, er habe während der Tour de France 1996 eine Woche lang Epo verwendet, wegen der Nebenwirkungen aber dann darauf verzichtet. Er habe es aber auch nicht unbedingt gebraucht, da er selbst „immer nur ein paar Minuten im Wind gestanden habe, andere Fahrer mussten 200 Kilometer im Wind arbeiten. Die habe ich ja als Sprinter auch genutzt.“

Karriere an der Garderobe abgegeben“

Der heute für das Milram-Team fahrende Zabel ist der erste noch aktive Radprofi, der sich geoutet hat. Milram-Hautsponsor Nordmilch will mit Zabel umgehend über mögliche Konsequenzen nach dessen Doping-Geständnis sprechen. „Die Beteiligten werden sich am Wochenende zusammensetzen und dann beraten, wie es weitergeht“, sagte eine Nordmilch-Sprecherin. Zabel ist nach Bert Dietz, Christian Henn, Udo Bölts und Aldag der fünfte Fahrer des ehemaligen Telekom-Teams, der Doping zugegeben hat. Der Däne Brian Holm, von 1993 bis 1997 Fahrer und seit 2004 sportlicher Leiter im Magenta-Rennstall, räumte in der dänischen Zeitung „Politiken“ ein, 1996 zweimal zu Epo gegriffen zu haben.

Über seine Beweggründe, sich zu offenbaren, sagte Zabel: „Mein Sohn fährt selbst Rad. Ich will nicht, dass er den Sport betreibt und eine ähnliche Situation vorfindet wie wir. Ich will, dass er ehrlich und geradeaus ist und dass er ehrlich den Sport betreibt, dann kann ich ihn nicht weiter anlügen.“ Zabel entschuldigte sich ausdrücklich bei seinem Sohn und den Rennfahrer-Kollegen. Er sei bereit, alle Konsequenzen zu tragen. „Ich habe meine Karriere an der Garderobe abgegeben und lege meine Zukunft in die Hände der Journalisten und Fans. Es war eine Bauchentscheidung, meine Vergangenheit offenzulegen, damit der Radsport vielleicht eine Zukunft hat.“

Epo-Spritze ins Tattoo

Aldag erklärte, er habe sich die Epo-Spritzen selbst gesetzt. Um es sogar vor seinem Zimmer-Genossen Erik Zabel zu verbergen und um hässliche Flecken zu vermeiden, habe er sich die Dopingmittel in ein Tattoo am Oberarm gespritzt. „Es ist sehr erniedrigend, sich Dopingmittel zu spritzen.“ Ihm sei es unangenehm gewesen, er habe auch mit keinem darüber gesprochen.

Es sei unrealistisch, zu glauben, dass alle Rennfahrer von den Verfehlungen der anderen wüssten. Jeder dope für sich alleine. Er selbst habe bei Masseur D'Hont „aktiv nachgefragt“. Zabel kann sich nach eigenen Aussagen nicht mehr erinnern, ob er „aktiv nach Epo gefragt“ habe, „oder ob wir während einer Massage darauf kamen“.

Telekom will weiter mit Aldag arbeiten

Das T-Mobile-Team setzt sein Engagement im Radsport dennoch fort und hält auch an Rolf Aldag als Sportdirektor fest. Das erklärte Teamchef Bob Stapleton auf der Pressekonferenz in der Telekom-Zentrale in Bonn. „Rolf hat großartige Arbeit geleistet“, so Stapleton. „Aber kann Rolf immer noch eine positive Veränderung herbeiführen? Ich habe mit dem Team gesprochen und viele haben gesagt, Aldag sei der Grund, warum sie für uns fahren“.

Der Amerikaner sagte, es sei wichtig, dass es mit dem Radsport weitergehe. „Ich bin ein bisschen naiv gewesen, als ich glaubte, man könnte den Sport schneller sauber bekommen.“ Stapleton dankte Zabel und Aldag für ihre offenen Worte. Er lobte auch die Erfolge des „jungen Teams“ in der jüngsten Zeit: „Ich sehe die Gefahr, dass das aktuelle Dopingumfeld die Erfolge dieses Teams gefährden könnte.“

„Immer gehofft, dass sich der Sport selbst reinigt

Aldag gab bei seiner Beichte zunächst einen Rückblick auf seine Karriere. Er sprach über seine Anfangsjahre, als er nur hinterher fuhr. Er habe 1995 begonnen, Epo zu nehmen, und dies bis 1997 auch ohne schlechtes Gewissen: „Es gibt keine Möglichkeit, mich zu erwischen. Wo ist das Risiko?“, sagte er. Gleichzeitig bekannte er: „Es war nicht einfach, sich wieder einmal in den Arm zu stechen, den Wert zu messen und zu sagen: Gott sei dank, nur 47, ich darf wahrscheinlich fahren.“ Nach dem Festina-Skandal habe er für sich beschlossen, mit dem Doping aufzuhören. 1997 sei der Hämatokrit-Grenzwert eingeführt worden, dann sei es schwierig geworden.

Zabel erklärte, warum er jetzt endlich beichtete: „Als der Spiegel am 30. April mit der Geschichte von Masseur Jeff D'Hont raus kam, war mir klar, dass diese Position, die ich seit elf Jahren eingenommen hatte, nicht mehr zu halten war. Ich habe immer gehofft, dass sich der Sport selbst reinigt.“ Zabel räumt ein, auch oft von D'Honts „Zaubertrank“ genommen zu haben. „Ich habe ihn immer gefragt, was da drin ist, ob ich Sorgen haben müsste wegen der Dopingproben nach dem Rennen.“

„Niemand tot vom Rad gefallen“

Zu den Folgen der Geständnisse sagte Zabel: „Die Konsequenzen werden sehr weitreichend sein, da wird kein Stein auf dem anderen bleiben.“ Zur Frage, ob nicht alle Telekom-Erfolge der Neunziger annulliert werden müssten, erklärt er: „Diese Erfolge sind Vergangenheit und nichts ist älter als der Erfolg von gestern.“ Er sitze aber auch auf dem Podium, weil das Doping-Kontrollsystem immer noch sehr lückenhaft sei, das müsse sich ändern. Stapleton kritisiert die Epo-Tests als „hochgradig unzuverlässig“. Es brauche ein „Anti-Doping-Programm“, das aber nur durch Druck von außen und Bereitschaft von innen entstehen könne. „Wir haben Bluttests eingeführt, die sind wesentlich effizienter.“

Das T-Mobile-Team wolle kein „Team Saubermann“ sein, sondern dafür sorgen, dass alle unter den gleichen Bedingungen Sport treiben können, so Aldag. „Wir wollen nicht Erfolg um jeden Preis, sondern unter fairen Bedingungen.“ Telekom-Kommunikationsdirektor Christian Frommert betont, dass es für ihn unvorstellbar sei, dass die Konzernspitze etwas vom Doping im Team Telekom gewusst habe. Aldag nahm die Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid von der Uniklinik Freiburg in Schutz. Zumindest im Jahr 2007 sei das Programm der Mediziner ein klarer „Anti-Doping-Kampf“ gewesen. Früher hätten die Sportärzte die Fahrer „eher geschützt. Bei uns ist ja niemand tot vom Rad gefallen“.



Text: FAZ.NET, @ad
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, Quintefilm/Cinetext, reuters

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