Kommentar

Bassos Etikettenschwindel

Von Evi Simeoni

09. Mai 2007 Denen, die immer noch daran glauben, dass die Doping-Krankheit des Leistungssports heilbar wäre, bescherte Ivan Basso einen schönen Augenblick. Doch dieser Moment sauste so schnell vorüber wie die Spitzengruppe in ein paar Tagen wieder beim Giro d’Italia. Ganz kurz schien es so, als wagte es einer der Prominenten des Radsports, sich dem geschlossenen System zu widersetzen und zu reden. „Basso gesteht“, hieß es.

Welch ein Versprechen: Endlich die ganze Wahrheit über das Netzwerk des Doktor Fuentes. Über Bassos einstigen Teamchef Bjarne Riis. Über seinen raffinierten Freund Lance Armstrong. Über Betrüger, Händler, Scharlatane, über Substanzen und Methoden, über die Rolle des Internationalen Verbandes, über Triumph, Tod und Teufel aus Pillenschachteln und Ampullen. Welch eine ermutigende Vorstellung: Die Profi-Radsportwelt zittert vor den Enthüllungen eines Insiders, der spät, aber nicht zu spät sein Verantwortungsgefühl und sein Gewissen entdeckt hat.

Schönes Geständnis!

Doch Basso ist nur ein Star auf zwei Rädern. Er ist kein Held. Schon am ersten kleinen Aufstieg zur Wahrheit ist ihm die Puste ausgegangen. Schönes Geständnis! Wenn seine Angaben vor der Presse im Mailänder Hotel „Michelangelo“ mit dem übereinstimmen, was er vorher der italienischen Sportjustiz offenbart hat, so unterscheidet er sich auch jetzt noch nicht groß von anderen berühmten Leugnern. Er hat nicht mehr zugegeben, als man ihm sowieso beweisen konnte.

Seine Kontakte zu Fuentes. Und seinen Plan, bei der Tour de France 2006 mit Hilfe von Eigenblutdoping seine Leistungsfähigkeit zu verbessern. Seinen Plan wohlgemerkt. Es scheint fraglich, ob einer wegen versuchten Dopings bei einer Veranstaltung überhaupt bestraft werden kann, von der er noch vor dem Start suspendiert wurde. Wenn ihm Sportgericht oder Staatsanwaltschaft also nicht noch andere Dopingverstöße nachweisen können, braucht er gar keinen Kronzeugen-Rabatt. Diesen bekäme er laut Code der Welt-Antidoping-Agentur sowieso nur, wenn er in erheblichem Maße zur Aufklärung von Dopingverstößen beitrüge. Und wenn er Namen nennen würde. Aber das will er nicht.

Ullrich will weiter schweigen

Basso will etwas anderes: Seinen Giro-Sieg aus dem vergangenen Jahr und das damit verbundene Preisgeld behalten. Er will angesichts einer prekären Beweislage so billig wie möglich davonkommen. Und er will sich nach seinem Zwangsabschied von Discovery Channel so bald wie möglich wieder bei einem Rennstall verdingen. Ein Geständnis als Etikettenschwindel also.

Da wir gerade beim Thema Heuchelei sind: Basso will seine Entscheidung zur uneingeschränkten Offenheit mit seiner Familie abgesprochen haben. Wahrscheinlich besonders intensiv mit seiner Schwester Elisa, gegen die in Bergamo wegen Handels mit Dopingsubstanzen ermittelt wird. Nach all dem Leerlauftreten bleibt eigentlich nur ein bitterer Schluss: Wenn das alles ist, was geschieht, wenn ein berühmter Radprofi sein Gewissen erleichtert, kann auch Jan Ullrich weiter schweigen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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