Kronzeuge belastet Ärzte

„Epo-Doping war Alltag beim Team Telekom“

30. April 2007 Wenn das kein Grund zum Klagen ist: Die Freiburger Sportmediziner Andreas Schmid und Lothar Heinrich sehen sich mit Vorwürfen konfrontiert, die ihre Approbation gefährden könnten. Sie sollen in den neunziger Jahren an einem systematischen Doping im damaligen Radsportteam Telekom mitgewirkt, die Mehrzahl der Profis wie Jan Ullrich mit dem verbotenen wie für gesunde Menschen lebensgefährlichen Medikament Erythropoietin (Epo) versorgt haben.

Das behauptet der ehemalige Telekom-Betreuer Jef d'Hont. Erstens in seinem neuen Buch und zweitens in einem Interview mit dem „Spiegel“, der 'Honts facettenreiche Geschichte von der Blutpanscherei bis zum Schweigekartell zum Titel-Thema seiner jüngsten Ausgabe machte. Noch halten die Mediziner, abgesehen von einem Dementi, still. Beide waren auch am Sonntag nicht zu erreichen. Von Klagen gegen den Belgier d'Hont, der behauptet, Belege für seine Darstellung seien vernichtet, (vorerst) ganz zu schweigen.

Franke stellt Strafanzeige

Deutschlands Chefankläger in Sachen Doping, Werner Franke, hat nach der Lektüre am Sonntag schon mal ausgeschlossen, dass diese Affäre ohne juristische Aufarbeitung im Sand versickert:

„Ich stelle Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Freiburg gegen Heinrich und Schmid wegen des dringenden Verdachts von Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz und wegen Körperverletzungstatbeständen“, sagte Franke auf Anfrage: „Epo ist ein noch immer in der breiten Erprobung befindliches Medikament, und jede leichtfertig, ärztlich nicht indizierte Verabreichung an Gesunde ist genauso ein Verbrechen, wie der Bundesgerichtshof es für die Vergabe von anabolen Steroiden an die DDR-Sportler festgestellt hat.“

„Richtig los ging es erst 1993“

D'Hont zeichnet im „Spiegel“ das Bild einer Doping-Ära bei Telekom, die parallel zum Aufstieg der Bonner in die Elite der Branche verlief: „Richtig los ging es erst 1993. Uwe Ampler war seit einem Jahr dabei, und man bereitete Olaf Ludwig auf die Weltmeisterschaft vor, bei der er schließlich Dritter wurde.“ Übrigens hinter Tour-Heroen wie Lance Armstrong, von dem es sechs positive Proben gibt, und dem Spanier Miguel Induráin.

Im Team gab es laut d'Hont Aufregung, weil Ampler plötzlich so viel besser wurde. Zur Beruhigung trugen dann angeblich Teammanager Walter Godefroot als Organisator und die Mediziner bei, indem sie - wie d'Hont behauptet - Epo einsetzten.

Perfekter Treibstoff

Epo fördert die Bildung der roten Blutkörperchen, trägt damit zu einer verbesserten Sauerstoffaufnahme bei und galt als perfekter Treibstoff. Schließlich konnte es damals mit Dopingkontrollen noch nicht nachgewiesen werden. Die ständige Gefahr einer lebensgefährlichen Blutverdickung wurde mit Verdünnern (Aspirin) und einer Portion Gutgläubigkeit verdrängt.

Bjarne Riis, 1996 noch vor Ullrich Tour-Sieger, bejubelte angeblich gar seinen unheimlichen Hämatokrit-Rekord (das Verhältnis fester zu flüssigen Bestandteilen des Blutes) von 64 Prozent: „Die Fahrer wollten es“, sagt d'Hont über die Lust auf Epo. Die Ärzte weigerten sich nicht: „Auch wenn der Teamarzt Andreas Schmid sich anfänglich sträubte.“ Über Schmids Kollegen Heinrich berichtet der Belgier: „Epo fand er ganz normal. (. . .) Heinrich hat das Epo mitgebracht und auch selber gespritzt.“

„Das war Alltag“

D'hont, im Auftrag Godefroots nicht nur „Soigneur“ (“Pfleger“), sondern auch Buchhalter und Kassierer bei den Fahrern für die Lieferungen, notierte Dosen und Kosten: 1000 Einheiten damals zu 25 Euro. Hunderte von Spritzen habe allein er gesetzt. Aber nicht bei Jan Ullrich. Er will den Deutschen, dem er auch den Missbrauch von Wachstumshormon nachsagt, nur bei der Einnahme von Epo beobachtet haben. Und zwar nicht zufällig. „Das war Alltag. Die Ärzte spritzten, und wenn wir spritzten, geschah das nie ohne Absprache mit den Ärzten. Schmid und Heinrich haben sich um die Fahrer gekümmert und entschieden, wann Schluss war mit Epo, da war so eine deutsche Gründlichkeit.“

Seit mehr als zehn Jahren kursieren in der Radsportszene Vermutungen, auch das damalige Team Telekom habe sich am allgemein üblichen Dopingkonsum beteiligt. Aber nicht einmal positive Proben von Profis aus dem Kader stellten die heile Welt in Magenta grundsätzlich in Frage. Selbst als der frühere Telekom-Profi Uwe Ampler behauptete, ohne sein Wissen vom Team mit Epo gedopt worden zu sein, passierte nichts.

„Geschickte Ablenkungsmanöver“

n Denn Ampler nahm den Vorwurf der Heimtücke im Zuge eines Arbeitsgerichtsverfahrens zurück. Nicht aber die Aussage über die Einnahme selbst. „Mit geschickten Manövern wurden selbst positive Fälle im eigenen Team, Verdächtigungen, Indizien und massive mediale Angriffe umschifft“, hieß es im April 2005 über das Team Telekom in dieser Zeitung. Nicht mal die positiven Fälle Erik Zabel 1994, Christian Henn 1999 (Testosteron) oder eben Jan Ullrich 2001 (Ecstasy) schadeten dem Ruf der Mediziner.

Heinrich und Schmid kommen aus der Sportmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik Freiburg. Jenem Institut, das sich seit Jahrzehnten als Anti-Doping-Einrichtung betrachtet, aber wiederholt massiv in die Kritik geriet. Als während einer Razzia beim Giro 2001 Koffein und Cortison bei Heinrich gefunden wurden, erklärte der Arzt den Fund mit Eigengebrauch sowie mit einem Attest für Ullrich.

Für den Star war damals ein Asthmaspray bestimmt gewesen, dessen Wirkstoff auf der Dopingliste steht. Der damalige Teampresse-Sprecher Olaf Ludwig behauptete, dass über Ullrichs Pinienpollen-Allergie schon berichtet worden sei. Nur ist Fachleuten kein weiterer Fall einer allergischen Reaktion auf Pinienpollen bekannt. Außerdem wiesen damals mehrere Telekom-Fahrer den im Zusammenhang mit Epo-Einnahme beschriebenen überhöhten Hämatokritwert auf. Er lag über der inzwischen eingeführten Grenze. Doch die Telekom-Profis konnten Atteste vorlegen und weiterradeln. Genauere Angaben zu den Ausnahmen machten die Telekom-Ärzte nicht. Sie beriefen sich auf die Schweigepflicht. „Schweigen“, sagt d'Hont, war Programm. Auch für ihn: „Auch der Arzt von der Universität Freiburg bat mich zu schweigen: ,Demnächst werde ich Professor. Das verstehst du doch, Jef?'“



Text: ahe./tpu. ;F.A.Z.,
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa

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