25. Mai 2007 In diesem Fall hatten Verschwörungstheoretiker ausnahmsweise recht: Am Montag hat es bei Beckmann“ im Gespräch mit dem ehemaligen Radprofi Bert Dietz, der sich zu seinem Doping bekannte, nicht zufällig gepiept. Es war keine 32 Sekunde lange Tonstörung. Es war Absicht. Es war ein Übereinkommen zwischen den Beteiligten, diese eine – besonders kritische – Passage des Gesprächs zu übertönen. Man wollte Dietz, sagt der NDR-Sprecher Martin Gartzke, vor möglichen strafrechtlichen Konsequenzen und den Sender vor äußerungsrechtlichen Ansprüchen schützen. Deshalb der Piepton.
Doch was hat Dietz gesagt? Weil der Ton erst während der Sendung über das Gespräch gelegt wurde, lässt sich die getilgte Passage rekonstruieren. In ihr hat Bert Dietz den einstigen Leiter des Teams Telekom, Walter Godefroot, belastet: Dietz: Die Pfleger haben gesagt: Du, pass auf, Walter braucht sein Geld. Du musst bezahlen, Du hast soundso viel bekommen.“ Beckmann: Wer braucht sein Geld?“ Dietz: Walter.“ Beckmann: Walter Godefroot, der Teamleiter vom Team Telekom, hat also das Geld eingetrieben, habe ich das richtig wiedergegeben?“ Dietz: Eingetrieben haben es die Pfleger. Die haben halt gesagt, dass Walter das vorher gezahlt hat.“ Beckmann: Also hat er das ausgeliehen vorher, Walter Godefroot, der Teamleiter, das Geld für die Epo-Ampullen. Was hat das für einen Kostenwert gehabt? Eine Ampulle mit 1000 oder 2000 Einheiten kostet wie viel?“ Dietz: Um die 50 Euro.“ Man kann sich vorstellen, warum sich der NDR entschloss, diese Passage zu tilgen, die nun aber doch in der Welt ist. Walter Godefroot hat dementiert, er habe je etwas mit Doping zu tun gehabt.
Dementis
Das ist die eine Geschichte zu Beckmann“. Die andere ist ein übles Gerücht, mit dem Bert Dietz am Zeug geflickt werden soll: Eine sechsstellige Summe habe er erhalten, eine einstweilige Verfügung gebe es gegen den NDR und, so wird gefragt: Sei es nicht seltsam, dass die Beckmann“-Talkshow nicht, wie sonst üblich, bei 3sat wiederholt und nicht ins Internetangebot der ARD eingestellt wurde?
Es gibt keine einstweilige Verfügung, und es sei nicht seltsam, dass die Sendung gesperrt ist, auch das beruht, wie der NDR-Sprecher Gartzke sagt, auf einer Vereinbarung mit Dietz und seinen Anwälten. Was den sechsstelligen Betrag“ angeht, heißt es, Dietz habe eine Aufwandsentschädigung erhalten, wie sie im Rahmen einer solchen Sendung branchenüblich ist. Die Summe liegt nicht annähernd in der Größenordnung einer sechsstelligen Zahl. Diese Annahme ist völlig aus der Luft gegriffen und entbehrt jeder Grundlage. Wir möchten nicht darüber spekulieren, wer an der Streuung solcher Gerüchte ein Interesse hat.“ Das wollen wir auch nicht. Doch was ist branchenüblich“? Kenner der Szene sagen, üblich seien bei einem Auftritt wie diesem hohe vierstellige Euro-Summen oder etwas mehr. In diesen Gefilden dürfte sich auch der Betrag befinden, den Dietz bekam.
Eine dramatische Situation
Was die Honorar-Gerüchte befeuert, ist der Umstand, dass es tatsächlich einen anderen Radprofi geben soll, von dem es heißt, er wolle sein Geständnis für 100.000 Euro verkaufen. Der Mann oder sein Agent scheint auf Verkaufstour zu sein; der Wert der Information dürfte jedoch – nach den Äußerungen von Dietz und am Donnerstag von Rolf Aldag und Erik Zabel – stündlich sinken.
Man kann sich die Situation im Beckmann“-Studio am Montag nicht dramatisch genug vorstellen: Die Sendung wurde erst kurz vor Ausstrahlung aufgezeichnet. Während sie anlief, sahen Dietz und seine Berater sich das Gespräch nochmal an, mit einer halben Stunde Zeitverzögerung. Und so kam es, dass man sich – während die Talkshow lief –, entschied, den Piepton über die Godefroot-Passage zu legen. Fünf Tage vor der Sendung hatte sich eine kleine Beckmann-Crew mit Dietz in Paris getroffen und alles besprochen, am Sendetag aber kam Dietz‘ Flieger aus Frankreich vier Stunden zu spät. Mit heißer Nadel musste die brisante Geschichte zu Ende gestrickt werden.
Zu heiß wurde es leider dem Veranstalter des Radrennens neuseen classics“, das zu Pfingsten stattfindet: Bert Dietz war als Rennleiter verpflichtet, nach seiner Doping-Beichte war er den Job los – bitterer Lohn für seine Offenheit. Und so läuft es wie immer: Wer sich bekennt, steht im Rampenlicht, nicht mehr als Held, sondern als Buhmann. Wenn man sieht, mit welcher Verve sich jetzt die Sender der Sache verschreiben; wie unbarmherzig Moderatoren, die zuvor den Pedaleuren zu Füßen lagen, nun von Lüge“ sprechen; wie die einstige DDR-Schwimmerin Kristin Otto als Sportredakteurin in den ZDF-Nachrichten die Meldungen dazu verliest – dann kann einem schon richtig übel werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa