Von Evi Simeoni
18. Juli 2008 Wer glaubt eigentlich noch, dass es sich bei den drei Fahrern der Tour de France, die innerhalb von sechs Tagen des Dopings überführt worden sind, um Einzelfälle handelt? Wohl niemand, außer den Verantwortlichen in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ARD und ZDF, wo die Frankreich-Rundfahrt unverdrossen weiter übertragen wird. Sie wollen ihre Entscheidung erst in Frage stellen, wenn sich herausstellen sollte, dass die Rennställe systematisch dopen und der Veranstalter Teil des Betrugssystems ist.
Schon der Selbsterhaltungstrieb gebietet es also den Teamchefs und dem Tour-Veranstalter, sich von den Hauptdarstellern ihres Sports, den Fahrern, zu distanzieren. Die Leiter der Rennställe – erfahrene Branchenkenner – tun plötzlich so, als würden sie von den Profis systematisch hintergangen. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass noch bis vor kurzem ein Radrennfahrer, der seine Leistung nicht durch Doping steigerte, bei den Arbeitgebern dieser Branche keine Chance hatte.
Der Veranstalter des Wirtschafts-Unternehmens Tour de France glaubt in einer nicht gerade lauter wirkenden Mischung aus Überlebensstrategie und Realitätsflucht, er könne die Mentalität im Peloton durch ein verschärftes Test-System auf den Kopf stellen. Doch das geht nicht. Denn unter den Profis herrscht immer noch die Überzeugung vor, dass Spitzenleistungen ohne Doping nicht möglich sind. Dieses ungesunde Denken gilt im engeren Kreis als gesunde Berufseinstellung. Demnach gehört die mobile Apotheke zur Ausstattung eines Radrennfahrers wie der Werkzeugkasten zum Klempner.
Was tun die Fahrer also? Sie suchen nach Mitteln, die mit den üblichen Tests nicht nachweisbar sind. Die Teamchefs verhalten sich so, als wüssten sie nichts davon. Und der Veranstalter bemüht sich, ein paar von ihnen zu erwischen, damit die Herren vom Fernsehen an ein System der Selbstreinigung glauben, obwohl es ständig durch unzulängliche Testumstände konterkariert wird. Nun allerdings wird gezittert im Feld. Denn ein als sicher geltendes Blutdoping-Präparat hat sich als nachweisbar herausgestellt. Wer es genommen hat, wird bis zur Ziel-Ankunft der Tour keine Nacht mehr ruhig schlafen. Oder schon vorher positiv auffallen. Ein weiterer Einzelfall also? Die Überlebenskünstler des Radsports werden den jüngsten Fall beharrlich so nennen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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