Ann Kathrin Linsenhoff im Gespräch

„Ich könnte mit Betrug nicht leben“

08. Dezember 2007 Die 47 Jahre alte Ann Kathrin Linsenhoff übernimmt 2008 den Vorsitz der Sporthilfe. Die ehemalige Dressurreiterin, Mannschafts- Olympiasiegerin von 1988 in Seoul, hat schon Übung im Geldsammeln. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht sie über die Grenzen der Leistung - und eine unvergessliche Ohrfeige.

Hat Ihnen Ihr Vorgänger Josef Neckermann wirklich einmal eine Ohrfeige gegeben?

Ja. Es war in Saalfelden auf dem Turnier. Ich war siebzehn. Er war entsetzt, wie ich geritten bin - und als ich aus der Prüfung kam, da hatte ich, zack, eine sitzen. Das war nicht böse gemeint.

Wie bitte?

Er war so ein impulsiver Mensch.

Und Sie haben das einfach akzeptiert?

Niemand hat gefragt, ob er das darf. Er hatte einfach so viel Autorität. Das zeigt aber auch, dass er mitgelitten hat. Ich war ihm nicht egal. Er war überhaupt ein außergewöhnlicher Mensch. Wenn er zum Beispiel zu Gast war und seinen Teller nicht leer essen konnte, dann hat er den Rest in die Serviette gepackt und in die Tasche gesteckt.

Er war doch eigentlich der Gegenspieler Ihrer Mutter, der Dressur-Olympiasiegerin von 1972?

Ja. Im Viereck haben sie sich stark bekämpft. Aber später hingen sie sehr aneinander.

Es gibt aber auch Geschichten, dass sich die beiden außerhalb des Vierecks ständig übertrumpft haben. Zum Beispiel in der Kunst, Dressur-Richter zu Hause zu bewirten. Was sagen Sie heute dazu als Verfechterin der Werte des Sports?

Dass die Richter bei uns zu Hause waren, all die wichtigen Leute der Reiterei damals, ist mir ganz gegenwärtig. Ich weiß nicht, ob es bei Josef Neckermann zu Hause auch so war. Ob es sich um Bestechung handelte oder nicht, das kann ich nicht beurteilen.

Neckermann, sagen Sie als künftige Vorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe, ist heute Ihr Vorbild. Was vor allem an ihm?

Sein Verhältnis zu den Sportlern. Er hat seinerzeit die Athleten ja sogar für den Ball des Sports eingekleidet. In der Maschine zu den Olympischen Spielen in Seoul hat er jeden Sportler einzeln begrüßt. Manche auch zweimal. Er gab jedem das Gefühl, wichtig zu sein. Und ich bin sicher, jeder konnte zu ihm kommen. Und das will ich auch - für die Sportler da sein. Ich bin ja eine von ihnen, und die möchte ich auch bleiben.

Die Reiter sind allein durch die Karrieredauer, das Alter und den Umgang mit Tieren ganz außergewöhnliche Sportler. Haben Sie sich manchmal auch als Außenseiterin gefühlt?

Ich war mit meinem Sport sehr zufrieden. Aber ich wollte auf jeden Fall dazugehören. Wenn man mit anderen Sportlern zusammentrifft, findet man sofort ein gemeinsames Gespräch. Man spricht über Schweiß, über Training, und das ist bei allen gleich: Man quält sich, verzichtet auf vieles, hat Achtung vor dem anderen. Es ist ein Wirgefühl, und das habe ich immer sehr genossen.

Hinter all dem - und auch hinter Ihrer neuen Aufgabe - steckt ein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip. Macht Sie die aktuelle Debatte um die Grenzen der Leistung in dieser Hinsicht nicht unsicher?

Der Sportler braucht natürlich schon ein Ziel - und dafür muss er Leistung bringen. Aber natürlich nicht um jeden Preis. Und dann sollte man in der Gesellschaft öfter darüber nachdenken, ob man immer nur den Sieger feiern soll. Schon allein, dass jemand überhaupt Leistungssport betreibt, ist doch schon ein Ziel. Wir waren zuletzt im olympischen Medaillenspiegel an sechster Stelle - warum darf es nicht auch einmal der siebte oder achte Rang sein? Wenn man zu viel Druck aufbaut, dann wird das zur Gefahr.

Allerdings sind auch die finanziellen Zuwendungen der Sporthilfe vom Erfolg abhängig.

Das ist das Problem. Aber vielleicht muss da auch ein Umdenken passieren.

Sie könnten sich also eine Wertediskussion in dieser Richtung vorstellen?

Die wird kommen. Der Sport muss sauber sein. Und wenn er sauber sein soll, können die Leistungen nicht immer besser und besser werden. Die Sporthilfe hat sich in dieser Hinsicht mit dem Sportler-eid positioniert. Es wird von den Sportlern verlangt, dass sie, wenn sie gefördert werden, ihren Sport sauber betreiben. Wer nicht sauber ist, muss seine Förderung zurückzahlen.

Muss es nicht auch eine Wertediskussion innerhalb der besitzenden Klasse geben? Dass es Mäzenatentum auch geben sollte, ohne dass immer nach dem direkten Marketingnutzen für ein Unternehmen gefragt wird?

Ja. Da geht es häufig einfach um Return on Invest. Dadurch entsteht die Gefahr, dass man, um die Unterstützung der Firmen zu bekommen, keinen sauberen Sport betreibt. Wenn - etwa im Radsport - eine Leistung verlangt wird, die man ohne Doping nicht bringen kann. Darüber sollte man sich Gedanken machen. Aber natürlich stecken die Unternehmen auch viel Geld in den Sport. Beide Seiten müssen für meine Begriffe an sich arbeiten.

Als Sporthilfe-Vorsitzende werden Sie immer wieder vor neuem Geldbedarf stehen. Haben Sie Angst vor Ihrer eigenen Großzügigkeit?

Nein. Das ist klar besprochen. Ich habe die Sporthilfe immer unterstützt. Aber jetzt bringe ich mich als Person ein, mit meiner Kraft, meiner Zeit und meinen Kontakten.

Ist es ermüdend, Geld zu sammeln?

Es ist schwer. Ich bin immer der Meinung, wenn mir einer Geld gibt, trage ich auch Verantwortung, der ich gerecht werden will. Ich hoffe, dass es so funktioniert: dass einer Person, die Verantwortung übernimmt, Geld gegeben wird.

Klinkenputzen macht Ihnen nichts aus?

Nein. Das habe ich ja schon vorher gemacht. Für meine Unicef-Stiftung, für das Frankfurter Reitturnier. Ich weiß ja, es ist für eine gute Sache.

Sie haben wegen einer Borreliose-Infektion erst im Frühjahr Ihre Sportkarriere beendet. Werden Sie nun trotzdem in Peking dabei sein?

Ja. Ist das nicht verrückt? Ich wollte mich unbedingt für Peking qualifizieren. Das hätte ich zwanzig Jahre nach Seoul viel bewusster erleben können. Schon damals war ich begeistert. Monica Theodorescu und ich haben vier Tage lang im olympischen Dorf gewohnt, was für Reiter ja nicht so selbstverständlich ist. Wir haben Carl Lewis im Stadion gesehen und fanden ihn begnadet. Norbert Dobeleit, den Leichtathleten, oder die ganzen Fechter, Zita Funkenhauser oder Alexander Pusch, kenne ich heute noch, und ich profitiere davon, wenn sie mich bei meiner Unicef-Arbeit unterstützen.

Können Sie damit leben, dass die Popularität eines Sports vor allem von den großen Stars abhängt? Wie etwa in der Dressur von Isabell Werth?

Das nehme ich als gegeben hin. Dass etwa die Vierschanzentournee sehr von Sven Hannawald und den anderen profitiert hat. Und ohne sie sinken die Fernsehquoten. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Die Menschen brauchen Idole.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Lebensgeschichte von Jan Ullrich?

Eine traurige Geschichte. Ohne ihm zu nahe treten zu wollen: Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Person. Ich frage mich: Was stimmt von dem, was er sagt? Zehn Fragezeichen.

Der DNA-Vergleich der Bonner Staatsanwaltschaft hat ihn in schweren DopingVerdacht gebracht. Berührt Sie aber nicht die menschliche Seite?

Ja, schon. Aber ich frage mich, wie man so leben kann. Ich bezeichne mich selbst als grundehrlichen Menschen. Ich könnte mit Betrug nicht leben. Ich könnte morgens mein Gesicht nicht im Spiegel ansehen.

Bei Doping ist also Schluss mit der Toleranz?

Ja. Absolut. Bei Unehrlichkeit hört es absolut auf. Damit kann ich nicht umgehen.

Können Sie denn akzeptieren, dass die sogenannten Kronzeugen wie Patrik Sinkewitz und Jörg Jaksche nach ihren Geständnissen wie Anti-Doping-Kämpfer auftreten?

Schwer. Dass sie versuchen, aus dem Problem herauszukommen, ist menschlich. Man bietet ihnen die Möglichkeit ja auch an, weil es für die Aufklärung wichtig ist. Ich muss es aber trotzdem nicht gut finden.

Sie werden künftig häufig in Gremien sitzen, die fast nur mit Männern besetzt sind . . .

Ja, und?

Das kann manchmal schwierig werden: Wenn Sie sich zum Beispiel als Frau in die männlichen Positionskämpfe einbringen sollen.

Ist das so? Bricht man nicht manchmal sogar etwas auf? Da kann man wieder mal Augen öffnen. Und einschüchtern lässt man sich als Sportler nicht. Daran, Leistungen in Drucksituationen zu bringen, sind wir gewöhnt.

Offenbar werden Manager, die Autoritätsprobleme haben, sogar manchmal zum Reiten geschickt. Dort sollen sie am Beispiel Pferd lernen, wie man sich durchsetzt. Finden Sie das passend?

So funktioniert das Pferd aber nicht. Man muss gemeinsam arbeiten. Wenn ich meine Stute Wahajama als Beispiel nehme: Sie ist so ein dominantes Tier, da muss man Kompromisse schließen. Aber natürlich muss man im richtigen Moment Grenzen zeigen. Und klare Ansagen machen.

Das Gespräch führte Evi Simeoni.



Text: F.A.Z., 08.12.2007, Nr. 286 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

 
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