04. September 2008 Bei den Chinesen war es einst Schildkrötenblut, das zu ungeahnter Ausdauer führte, jetzt soll es also die Süßkartoffel Yam sein, die den Jamaikanern unglaublichen Speed verleiht. Oder es sind – im Zweifelsfall ein unschlagbares Argument – die Gene; als Konsequenz der harten Auslese unter früheren Sklaven, wie Jamaikas Teamarzt und Anti-Doping-Beauftragter Herb Eliott behauptet.
Die erdrückende Dominanz der Sprinter von der Karibikinsel mit ihren gerade mal 2,7 Millionen Einwohnern hat Fragen aufgeworfen, die mit dem Talent allein kaum zu beantworten sind. Es geht nicht nur um das Phänomen Usain Bolt, der mit seinen mühelosen Jogging-Einheiten auch nach Olympia noch unermüdlich Wahnsinnszeiten rennt. Nein, es hat den Anschein, als bestehe Jamaika – von Shelly-Ann Fraser bis Asafa Powell – mit einem Mal aus lauter Ausnahme-Athleten.
Ohne Nada kein Doping
Auch der Verweis auf die lange Sprint-Tradition und die gute Ausbildung befriedigt da nicht sämtliche Neugier. Anders gesagt: Zur Tradition gehören leider auch die auf Jamaika geborenen Sprinter Ben Johnson und Linford Christie, selbst wenn deren schillernde Doping-Karrieren unter kanadischer beziehungsweise britischer Flagge stattfand. Nun hat man noch keiner der olympischen Karibik-Größen von Peking etwas Unlauteres nachweisen können, angeblich weil es nichts nachzuweisen gibt. Andererseits: Wo eine Nationale Anti-Doping-Agentur fehlt, ist die Gefahr, etwas zu entdecken, nicht sonderlich hoch.
Aber eine erste Spur gibt es jetzt doch, auch wenn die nicht direkt nach Jamaika, sondern in die Vereinigten Staaten führt. Wenn Hürdensprinterin Delloreen Ennis-London, Olympia-Fünfte von Peking und Jamaikanerin mit Wohnsitz Texas, aus dunklen Kanälen Lieferungen mit dem nur schwer nachweisbaren Wachstumshormon bezieht, ohne sie freilich zu öffnen, wie ihr Trainer-Ehemann treuherzig behauptet, dann braucht man nicht viel Phantasie, um die Theorien um Kartoffeln und andere biologisch-dynamische Starkmacher als Phantastereien zu entlarven. Vielleicht steckt hinter all dem Speed mindestens genauso viel pharmazeutisches Know-how wie genetische Disposition. Wachstumshormon lässt bekanntlich die Zähne ein wenig aus der Reihe tanzen. Da passen jamaikanische Olympiasiegerinnen mit Zahnspangen ins Bild.
Wie sauber die verdächtig sauberen wie leistungsexplosiven Spiele von Peking tatsächlich waren, wird man – wenn überhaupt – in spätestens acht Jahren wissen. So lange bleiben die Dopingproben eingefroren. Aber nicht nur für die Analytik gilt der Satz: Am Anfang einer großen Entdeckung steht oft eine winzige Spur.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa