Der Fall Sinkewitz

Vom Dopingsünder zum Kronzeugen

28. März 2008 Patrik Sinkewitz ist der „Nestbeschmutzer“. Er hatte das Gesetz des Schweigens im Radsport gebrochen, das nehmen ihm viele in der Szene übel: „Ethik im Radsport heißt: Du darfst kein Kameradenschwein sein“, sagt sein Anwalt. Die Chronologie des Falles und seiner Karriere.

Oktober 2000: Von den Straßenweltmeisterschaften in Plouay reist Sinkewitz noch vor dem Beginn der Wettkämpfe in der U-23-Kategorie wieder ab. Angeblich soll ihn eine Erkältung am Start gehindert haben. Später wird bekannt, dass auch das Blutbild von Sinkewitz auffällig gewesen sei und ihn die Verantwortlichen des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) schützen wollten.

2001 und 2002: Die ersten beiden Jahre als Profi beim Team Mapei hat Sinkewitz nach eigenen Angaben keine Erfahrung mit Doping-Mitteln gemacht.

Januar 2003: Sinkewitz wechselt zu Quick Step und greift unter anderem zu Epo.

Januar 2006: Sinkewitz wechselt zu T-Mobile. In dieser Zeit betreibt Sinkewitz unter anderem Eigenblut-Doping mit Unterstützung von Andreas Schmid und Lothar Heinrich, zwei inzwischen entlassenen Ärzten der Freiburger Universitätsklinik und früheren Betreuern des Teams T-Mobile.

7. Juni 2007: Mit seinen Kollegen Kim Kirchen, Michael Rogers, Marcus Burghardt und Linus Gerdemann trainiert Sinkewitz in den Pyrenäen. Am Abend, vor dem Einschlafen, trägt Sinkewitz Testosteron-Gel auf seinen Oberarm auf.

8. Juni 2007: Als die Fahrer von einer Trainingsfahrt gegen acht Uhr abends zurück ins Hotel kommen, warten dort Fahnder der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Bei der unangemeldeten Kontrolle ermitteln sie im Blut von Sinkewitz einen Testosteronwert von 24:1 - der Grenzwert liegt bei 4:1.

15. Juli 2007: Auf einer Abfahrt der achten Etappe der Tour de France von Le Grand-Bornand nach Tignes stürzt Sinkewitz, als er mit einem Zuschauer zusammenstößt. Er erleidet eine Mittelgesichtsfraktur und ein Schädel-Hirn-Trauma. Sinkewitz wird zunächst in das Krankenhaus von Albertville und von dort aus zur Operation nach Hamburg in das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus gebracht.

18. Juli 2007: Erst jetzt wird bekannt, dass Sinkewitz bei jener Trainingskontrolle im Juni positiv auf Testosteron getestet worden ist. Sinkewitz erfährt davon im Krankenhaus. Sein Arbeitgeber T-Mobile suspendiert ihn. ARD und ZDF entschließen sich, die Berichterstattung von der Tour de France einzustellen.

20. Juli 2007: Die Bonner Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren gegen Sinkewitz ein. Ihm werde "Betrug zum Schaden seiner Vertragspartner" vorgeworfen.

22. Juli 2007: Sinkewitz wird aus dem Hamburger Krankenhaus entlassen.

31. Juli 2007: Sinkewitz verzichtet auf die Öffnung der B-Probe. Damit liegt auch offiziell ein Doping-Fall vor, Sinkewitz muss mit einer zweijährigen Sperre rechnen. T-Mobile trennt sich mit sofortiger Wirkung von ihm. Sinkewitz wiederum sagt, dass er sich gegenüber der Expertenkommission erklären will, die der BDR zur Aufarbeitung von Doping-Angelegenheiten eingesetzt hat. Der Getränkehersteller Förstina trennt sich von Sinkewitz als Werbepartner.

2. August 2007: Das Bundeskriminalamt (BKA) durchsucht im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bonn die Privaträume von Sinkewitz in Künzell bei Fulda. Sie finden unter anderem Kortison, Reste von Testosteron-Gel und Quittungen für Epo aus dem Frühjahr 2006.

September 2007: Sinkewitz wird wiederholt von Mitarbeitern des BKA und der Staatsanwaltschaft Bonn befragt.

24. Oktober 2007: Sinkewitz sagt vor dem Sportgericht des BDR aus. Er gibt vor allem Hinweise zu Doping-Praktiken bei Quick Step und T-Mobile und belastet damit auch Ärzte der Freiburger Uniklinik. Wie schon sein für ein Jahr gesperrter Kollege Jörg Jaksche hofft auch Sinkewitz auf die Kronzeugenregelung, die die Sperre auf ein Jahr reduzieren soll.

31. Oktober 2007: Als Reaktion auf die Aussagen von Sinkewitz durchsuchen Mitarbeiter des BKA Arbeitsplätze und Wohnungen von Lothar Heinrich und Andreas Schmid.

12. November 2007: Sinkewitz beteuert, seinen Sieg beim Radklassiker "Rund um den Henninger Turm" am 1. Mai ohne verbotene Substanzen errungen zu haben.

13. November 2007: Die Bonner Staatsanwaltschaft stellt das Ermittlungsverfahren gegen Sinkewitz gegen Zahlung von 25 000 Euro ein.

16. November 2007: Das Sportgericht des BDR verurteilt Sinkewitz zu einer Sperre bis einschließlich 17. Juli 2008. Zudem muss Sinkewitz eine Geldbuße in Höhe von 40 000 Euro zahlen und wird nachträglich aus den Ergebnislisten der Tour de France 2006 und der Tour de Suisse 2007 gestrichen.

16. Januar 2008: Der Getränkehersteller Förstina reicht eine Schadensersatzklage gegen Sinkewitz ein.

3. März 2008: Abermals wird Sinkewitz von Mitarbeitern des BKA vernommen, diesmal als Zeuge. Anders als in den Vernehmungen zuvor soll er auch Namen von Kollegen genannt haben, mit denen er nach dem Prolog der Tour de France 2006 nach Freiburg gefahren war, um Eigenblut-Doping zu betreiben.

6. März 2008: Sinkewitz erkennt seine Sperre durch das BDR-Sportgericht an.

17. Juli 2008: Die Sperre von Sinkewitz läuft ab.



Text: F.A.Z., 29.03.2008, Nr. 74 / Seite 32
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 

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