Von Michael Eder
12. Juni 2007 Da hat sie jetzt aber mal eine große Chance verpasst, unsere Kanzlerin. Nachdem sie in Heiligendamm gerade den Klimaschutz durchgesetzt, die Zukunft Afrikas gesichert sowie Bush und Putin versöhnt und somit die ganze Welt gerettet hat, gab Angela Merkel dem großen Deutschen Jan Ullrich einen Korb. Der Tour-de-France-Sieger von 1997 dürfte seither die Welt nicht mehr verstehen (was umgekehrt schon seit längerer Zeit der Fall ist).
Ullrich, der zurückgetretene Radstar, steht bekanntlich unberechtigterweise unter Dopingverdacht und musste deshalb seine phantastische Sportkarriere ganz freiwillig beenden. Und das alles ohne jeden rechtskräftigen Beweis, nur wegen ein paar läppischer Indizien wie etwa der Tatsache, dass sein Blut, ordentlich konserviert, bei einem spanischen Monsterarzt lagerte oder dass sein Team aus den Neunzigern nachweisbar und überwiegend aus Dopern und Betrügern bestand.
Was hat dieser Mann nicht alles geleistet
Muss das alles irgendjemanden interessieren bei einem Mann wie Ullrich? Selbst wenn er wirklich gedopt hätte – was, wie gesagt, bei der äußerst dünnen Indizienlage längst nicht erwiesen ist –, so müsste man doch sagen: Was hat dieser Mann nicht alles geleistet für dieses, für unser Land – und das, obwohl er in die Schweiz hatte ziehen müssen, um von der hiesigen Steuer nicht völlig ruiniert zu werden. Er hätte für uns alle, für unser aller Ansehen in der Welt betrogen und gelogen, er hätte seine Gesundheit, vielleicht auch seinen Verstand, aufs Spiel gesetzt – was kann man von einem Staatsbürger mehr verlangen? Doch was ist der Dank? Verfolgung. Schlechte Presse. Auftritt bei Beckmann.
Das alles hätte Angela Merkel jetzt geraderücken können, aber sie hat Ullrichs Wunsch nach einem Treffen einfach abgelehnt, herzlos und auf Beamtenebene. Ein Treffen mit Ullrich käme nicht in Betracht, ließ sie ausrichten. Tja, und dabei hatte Ullrichs Freund und Geschäftspartner Michael Stehle laut der Zeitschrift Sport-Bild“ per E-Mail doch mit so eindrucksvollen Worten um eine Zusammenkunft gebeten. Ziel des Gesprächs, schrieb er, solle die Rehabilitierung“ von Ullrichs Reputation durch eine angemessene Würdigung seiner Verdienste und Leistungen“ sein.
Ullrich hätte die Kanzlerin aus diesem Anlass sogar in sein Schweizer Haus eingeladen. Wie großzügig. Dort hätte ihn Angela Merkel bei einer Bodensee-Rundfahrt nicht nur jedweder regierungsamtlicher Hochachtung versichern können, sondern am Ufer auch mal in Augenschein nehmen können, was sich aus gesparten Steuergeldern ein paar Kilometer jenseits der Grenze so alles errichten lässt. All diese Chancen hat sie verpasst. Was bleibt Ullrich? Neben berechtigter Enttäuschung nur der Gang zur nächsten Instanz. Ob ihn der Papst empfängt?
Text: F.A.Z.