Von Ralf Meutgens, Frankfurt
10. Mai 2007 Erythropoietin, kurz Epo, ist immer noch ein Renner unter den Dopern. Nach den ersten Todesfällen Anfang der neunziger Jahre und dem mehr oder weniger belegten massenhaften Einsatz bei den großen Rundfahrten des Radsports sind Epo-Sünder seit ein paar Jahren mit einem Test überführbar. Trotzdem zirkuliert dieses im Sport verbotene Medikament für Nierenkranke weiter in den Blutbahnen der Athleten. Zu verlockend scheint der Vorteil. Epo verleiht Flügel, heißt es in der Radsportszene.
Nach Angaben des früheren Telekom-Betreuers Jef D'hont war es auch beim Bonner Radrennstall in Gebrauch. Fachleute schätzen, dass die weltweite Epo-Produktion den Bedarf der tatsächlichen Patienten erheblich übersteigt. Recherchen dazu enden allerdings in der Sackgasse. Denn die Hersteller veröffentlichen weder Produktionszahlen, noch reagieren sie auf Nachfragen.
Ein Segen für die Kranken
Der Missbrauch ist nach meinem Erkenntnisstand erheblich und erfolgt über Apotheken, die Krankenhäuser versorgen, sagt der Bremer Pharmakologe Professor Peter Schönhöfer, einst Abteilungsleiter des Bundesamtes für Arzneimittelsicherheit. So fielen hohe Einkaufsmengen weniger auf. Schönhöfer beklagt eine eigenartige Untätigkeit der pharmazeutischen Aufsicht.
Gabriele Bojunga, fünf Jahre lang Präsidentin der Apothekerkammer in Hessen und heute unter anderem Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Gesundheit bei Transparency International, kritisiert, dass Epo wie jedes andere verschreibungspflichtige Medikament behandelt wird. Sie fordert die Einführung der Dokumentationspflicht für Epo durch den Gesetzgeber. So gelänge zumindest für Deutschland der lückenlose Nachweis, wer, wann, von wem wieviel Epo verschrieben bekommen und erhalten hat. Für Importmedikamente, Blutplasma und Betäubungsmittel werde eine derartige Kartei schon geführt. Der Mehraufwand sei unerheblich.
Ein Fluch für den Sport
Solch eine Regelung käme zum rechten Zeitpunkt. Denn in Zukunft ist mit einer Überschwemmung des Marktes zu rechnen. Die Stada Arzneimittel AG mit Sitz in Bad Vilbel hat Mitte 2006 die Zulassung für ein sogenanntes Biosimilar von Epo für den europäischen Markt beantragt. Da die Patente für Epo auslaufen, versuchen Firmen wie Stada, die sich auf Nachahmersubstanzen spezialisiert haben, Produkte auf den Markt zu bringen, die wirkungsgleich sind. Stada wird die Zulassung für sein Biosimilar vermutlich in diesem Jahr erhalten und das Produkt unter dem Namen Epoetin-zeta von 2008 an vermarkten.
Nach Ansicht von Professor Horst Pagel von der Universität Lübeck, einem der führenden Wissenschaftler beim Thema Erythropoietin, fällt dann der Preis. Das wäre ein Segen für die Kranken, aber wohl ein Fluch für den Sport. Anbieter anderer Erythropoietine müssten ihre bislang extrem hohen Forderungen senken. Dann würde auch der Schwarzmarktpreis fallen. Zur Zeit beträgt der Apothekenpreis für eine Epo-Kur mit 10.000 Internationalen Einheiten etwa 1000 Euro.
Stada sieht keinen Interessenkonflikt
Diese Entwicklung bringt auch den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) in eine heikle Lage. Der Verband mit seinem Präsidenten Rudolf Scharping an der Spitze sieht sich als Institution, die einen scharfen Kampf gegen Doping führt. Gleichzeitig profitiert der Verband von den Sponsorgeldern eines Unternehmens, das bald auch Epo auf den Markt wirft: Stada.
Radsport-Sponsor und Hersteller eines Produktes, das Doper schlucken wie der Durstige Wasser? Stada sieht keinen Interessenkonflikt. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, dass weder Stada noch der BDR für die missbräuchliche Verwendung welchen Produktes auch immer verantwortlich sind.
Reale Sorgen an der Basis
Die Bitte des Kölner Anti-Doping-Labors, zur Entwicklung eines Epoetin-zeta-Tests ein Referenzprodukt zu liefern, lehnte Stada ab: Das Referenzmaterial können Sie sich dann (nach Markteinführung) über einen Arzt bzw. eine Apotheke beschaffen, antwortete Stada. Außerdem legt das Unternehmen Wert auf die Feststellung, dass Epoetin-zeta von der Tochterfirma cellpharm in Deutschland vertrieben werden wird. Der Epo-Experte Pagel nimmt diese Erklärung nicht hin: So stellt die breite Öffentlichkeit keinen Zusammenhang zwischen Stada und Epoetin-zeta her. Da aber auch der Radsport stark durch den Missbrauch von Erythropoietin vorbelastet ist, bekommt diese Zusammenarbeit von Stada mit dem BDR ein Geschmäckle.
Dieter Kühnle, Vizepräsident des BDR, sieht keinen Anlass, die Partnerschaft zu überdenken, und spricht stattdessen von einer Unterstellung. Stada sei seit Jahren verlässlicher Partner des BDR. Die im Sport verwendeten Stada-Produkte tragen das Unbedenklichkeitsiegel der Nada. Nachfragen bei der Nada, der Nationalen Antidoping-Agentur mit Sitz in Bonn, ergaben, dass es ein derartiges Siegel überhaupt nicht gibt.
Bedenkliche Kombination Radsportler/Pharma
Real aber ist die Sorge an der Basis. Obwohl der BDR 50 Prozent der Sponsorbeiträge von Stada für die Nachwuchsförderung und 30 Prozent für die Förderung des Breitensports verwenden muss, machen sich Trainer Sorgen. Nachdem der Nationalfahrer Gerald Ciolek in Salzburg Weltmeister in der Klasse der U 23 geworden war, ging das Siegerfoto mit dem Stada-Schriftzug auf der Brust des Athleten um die Welt.
Allein die Kombination Radsportler/Pharma-Unternehmen werteten zum Beispiel Radsporttrainer auf einem Jugendsymposion in Schleswig-Holstein kritisch. Weil sie wissen, dass schon vierzehnjährigen Fahrern vor den Rennen routinemäßig Schmerzmittel angeboten werden. Der leichtfertige Umgang mit Medikamenten, auch wenn sie erlaubt seien, leiste der Dopingmentalität erheblichen Vorschub, hieß es. Und da wussten die Trainer noch nichts von den Plänen Stadas, Epo-etin-zeta zu produzieren.
Text: F.A.Z., 11.05.2007, Nr. 109 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, REUTERS